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Aktuelles Heft

INHALT #177

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Editorial
• das erste: Deutschland-Fans auf die Partymeilen!
Mikro Island
Motorpsycho
Break it back
MITTE04
Dead Western, Bombee
Myra
levenshulme bicycle orchestra
Benefizdisco
Summer BreakZ
Snapcase
Haare auf Krawall
Veranstaltungsanzeigen
• ABC: S wie Surrealismus
• review-corner buch: „Ich ficke, mit wem ich will!“
• review-corner buch: Michael Schwandts Einführung in die Kritische Theorie
• kulturreport: Adorno, der Jazz und ungarische Schnulzen
Nie wieder Antira!
• doku: Vom Fragment der Erinnerung zum Geschichtsbild
• sport: Aliens in der Bezirksklasse
Anzeigen
Fritz Bauer - Death by Instalments
• das letzte: Deutsches Klima

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Deutschland-Fans auf die Partymeilen!

Für Fans der deutschen Mannschaft wird es während der Fußball-Weltmeisterschaft der Männer im Conne Island keine Homezone geben. Wie schon während der EM 2008 wird es bei Spielen Deutschlands maximal ein Testbild zu sehen geben.

SchleckerDeutschland hat heute einen relativ unbefangenen Umgang mit seiner Identität, was während der jeweils letzten Welt- oder Europameisterschaft der Männer am inflationären „Herumfahnen“ offensichtlich wurde. Deutschland möchte sich nicht mehr auf seine „dunkle Geschichte“ reduzieren lassen, sondern definiert sich als selbstkritisch und tolerant. Wurden noch in den 1960er Jahren der 2. Weltkrieg und der Holocaust weitestgehend verdrängt, werden heute die Verbrechen Nazideutschlands anerkannt. Der Nationalsozialismus gilt in Deutschland nicht als ein Resultat aus einem völkischen Nationalimus, sondern wird als geschichtlicher Irrweg begriffen, deren ProtagonistInnen einzig die „nationalsozialistischen Eliten“ gewesen sein sollen. Das Kriegsende 1945 gilt damit auch nicht mehr als militärische Niederlage, sondern als „Befreiung Deutschlands vom Nationalsozialismus“ (Richard von Weizsäcker, 8. Mai 1985). Nationalismus bleibt aber weiterhin eine Ausschlusskategorie und verschwiegen wird, dass es immer noch Rassismus und Antisemitismus in allen Schichten der Gesellschaft gibt und gerade in Ostdeutschland Nazis ihre Kleinstadt gegen die vermeintlich Anderen „verteidigen“.

Korrespondierten während der WM 1990 noch Wiedervereinigung, Pogromwellen und Weltmeisterschaftstitel, blieben nationalistische Ausschreitungen 2006, zumindest solange die deutsche Mannschaft nicht verlor, aus. Erst nach dem Ausscheiden im Halbfinale gegen Italien offenbarte sich ein anderes Bild der „Fanfeste“, als sich in vielen deutschen Städten der Frust von Nazis, Hooligans und SympathisantInnen an Polizei, Italien-Fans und italienischen Restaurants entlud.

Aber auch der eine oder andere Connewitzer ärgerte sich über das Halbfinal-Aus und ließ seiner Gefühlswelt auf dem Gelände des Conne Islands freien Lauf. Es machten sich recht aggressive Bedrohungen gegenüber „anders denkenden“ Fußballfans breit, womit sich schlussendlich der „deutsche Identifikationswahn“ (Conne Island Text zur EM 2008: http://www.conne-island.de/nf/fussball_em.html) bis auf den eigenen Hof durchgesetzt hatte.

Die damaligen Ereignisse hatten die im Conne Island geltenden Mindeststandards zeitweilig außer Kraft gesetzt, zu dominant war das Auftreten der sich zu Deutschland bekennenden Personen. Auch heute ist es kaum denkbar, dass ein anderes Bild bei Spielen mit Beteiligung der deutschen Mannschaft vorzufinden wäre. Es sei denn, all jene würden unter Anwendung von Gewalt den Hof verlassen müssen, doch diese Androhung würde ungern in die Tat umgesetzt werden.

Unter Männern

Geprägt wird Fußball ganz wesentlich von seinen zumeist männlichen Fans. In Männerbünden organisiert, dienen Verbände, Vereine, Fanklubs oder Ultra-Gruppierungen vor allem dazu, sich untereinander zu bestätigen. Die Stadien, die Anreisewege oder die Innenstädte an Spieltagen werden als Räume wahrgenommen, welche der Zurschaustellung eines Ideals von Härte und Stärke dienen. Während auf dem Platz technisch versiertere Spieler einfach gefoult werden, müssen sich auf der anderen Seite des Zauns Fans, die sich nicht Woche für Woche Schlägereien „stellen“, als „Luschen“ bezeichnen lassen oder werden bei nächster Gelegenheit überfallen.
Auch Homophobie ist im Fußball präsenter denn je. So werden beispielsweise die Fans des 1. FC Kölns von vielen gegnerischen Fans mit einem „Hauptstadt der Schwulen“-Gesang bedacht. Solche und ähnliche Diffamierungen sollen einerseits das eigene Männlichkeitsbild stärken, andererseits drücken sie die irrationalen Angstphantasien gegenüber Homosexualität aus. In Männerseilschaften gilt eine gewisse körperliche Nähe als „okay“: Rituale, wie das Umarmen auf den Rängen oder das sich gegenseitige Betätscheln unter den Spielern, fördern gar den Zusammenhalt. Die Ängste bestehen darin, ein schwuler Mann könnte sich „unentdeckt“ untergemischt haben, bei dem es sich nicht um „normale“ Freude über ein Tor, sondern um Begehren handelt.
Es wundert somit auch nicht, dass die wenigen Programme des Deutschen-Fußballbundes (DFB) gegen Homophobie nicht denselben Anklang finden wie die unzähligen Kampagnen gegen Rassismus. Aus den Stadien der 1. Bundesliga sind rassistischen Sprechchöre fast vollständig verschwunden. Dies ist ein Nebeneffekt eines sich wandelnden Sports – weg von organisch gewachsenen Vereinen mit geschlossenen Anhängerkreis zu wirtschaftlichen Unternehmen, die sich einen Imageverlust durch RassistInnen nicht leisten können. Die so geschehene Befriedung der oberen Ligen in den letzten 10 - 15 Jahren ist zu begrüßen, die eklatanten Probleme in unteren Ligen bestehen aber nach wie vor. Hier sind (neben Gewaltausbrüchen) rassistische und antisemitische Sprechchöre bei vielen Vereinen mit hunderten AnhängerInnen an der Tagesordnung.

Ganz unter sich...

...möchte niemand bleiben. Viele des heterogenen Personenhaufens Conne Island werden mehr als das Eröffnungsspiel und das Finale der WM 2010 sehen, allein deshalb liegt es nahe, die Spiele zu zeigen. Bei der Entscheidung einer WM-Übertragung wirken nicht nur die Stimmen der Fußball- und Fußballkultur-Interessierten, auch der restliche Teil, der sich aus Politik und Kultur bildet, wünscht sich, den Sommer hier zu verbringen. Dabei sollte es niemanden wichtig sein, die WM zu sehen, weil Deutschland dabei ist oder eine Chance auf den Titel hat, sondern weil in den Spielen qualitativ guter Fußball zu sehen ist. Dieses Prinzip gilt im Conne Island seit seinem Bestehen, denn auch bei der Auswahl von Bands wird auf Qualität und nicht auf Nationalität geachtet. Es geht somit darum, einen Rahmen vorzufinden und zu gestalten, der sich mit dem Selbstverständnis des Conne Islands deckt, ohne Vaterlandsliebe, ohne Fußball als Identifikationsmoment mit Deutschland und ohne dumpfes, nationales Gepöbel besoffener Studenten. Diejenigen, die 2006 noch meinten, sie wären HipHop, obwohl sie ihr Basecap „Deutschland“ statt „Eastcoast“ trugen, sie wären Skin im Retro-Deutschland-Trikot oder Punker mit schwarz-rot-goldenem Iro, können einfach zu Hause bleiben oder sich zur fahnenschwenkenden Feiergemeinschaft in die Leipziger Innenstadt begeben.
Im Selbstverständnis des Conne Islands wird es weiterhin ein fester Bestandteil bleiben, den Diskriminierungsformen Sexismus, Homophobie, Rassismus und Antisemitismus keinen Raum zu bieten und bei eventuellen Vorfällen Konsequenzen zu ziehen. Die Gäste der WM-Fußball-Übertragung sollen einen Ort vorfinden, der es ermöglicht, ohne diese offensichtlichsten Teile der gesellschaftlichen Normalität auszukommen.

Conne Island

20.05.2010
Conne Island, Koburger Str. 3, 04277 Leipzig
Tel.: 0341-3013028, Fax: 0341-3026503
info@conne-island.de, tickets@conne-island.de