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„Ich ficke, mit wem ich will!“

Der Islam braucht eine sexuelle Revolution –
Eine Streitschrift von Seyran Ates

„Ich ficke, mit wem ich will!“ – Das soll die dreiundzwanzigjährige Deutsche kurdischer Herkunft Hatun Sürücü im Streit zu einem ihrer Brüder gesagt haben, bevor sie 2005 an einer Bushaltestelle in Berlin mit drei Kopfschüssen von einem Angehörigen getötet wurde. Dieser Satz bringt die Motivation der Rechtanwältin und Publizistin Seyran Ates zum Ausdruck, ihr neustes Buch „Der Islam braucht eine sexuelle Revolution“ zu schreiben (S. 24).
Von den einen wird Ates für ihr Engagement für die Rechte von Frauen hofiert. So wurde ihr u.a. 2005 der Zivilcouragepreis des Berliner CSD e.V, 2007 das Bundesverdienstkreuz und im Jahr darauf der Johann-Philipp-Palm-Preis für Meinungs- und Pressefreiheit verliehen.
Von anderen hingegen wird sie dafür angegriffen und verachtet, dass sie den Islam kritisiert und eine arrogante Nestbeschmutzerin sei, die sich auf Kosten anderer profilieren wolle. So legte sie zwischen 2006 und 2007 ihr Mandat als Rechtsanwältin mit der Begründung nieder, dass sie von den Angehörigen ihrer Mandantinnen häufig bedroht und auch tätlich angegriffen wurde. Auch nach der Veröffentlichung des hier besprochenen Buches zog sich Ates 2009 aufgrund von Morddrohungen aus der Öffentlichkeit zurück.(1)
In ihrem Buch kritisiert sie den Jungfrauenkult, den Männlichkeitswahn, das Kopftuch und die Unterdrückung von Sexualität im Islam. Ihre Kritik richtet sich an Kulturrelativisten, die die Universalität der Menschenrechte aus einer falsch verstandenen Toleranz heraus unterminieren, und gegen muslimische Fanatiker. Von den 68ern in westlichen Ländern inspiriert, fordert sie nun eine sexuelle Revolution in der islamischen Welt. Das klingt sehr vielversprechend. Zielt doch die Forderung nach sexueller Selbstbestimmung auf das gesamte Geschlechterverhältnis und fordert ein emanzipiertes Individuum, dem unabhängig vom Geschlecht und sexueller Orientierung die gleichen Rechte zukommen. Erst so ist Demokratie, Aufklärung und schließlich eine Moderne möglich. Leider bleibt Ates` Darstellung weit hinter den Erwartungen zurück. Dem Buch mangelt es an einem roten Faden, analytischer Tiefe und Differenziertheit.
Das Buch beginnt mit sehr intimen Einblicken in die sexuelle Sozialisation der Autorin. Sie beschreibt ihr Aufwachsen in beengten Verhältnissen und ihre Erziehung, die gekennzeichnet war durch Schweigen, Scham und die ständige Angst um ihre Jungfräulichkeit. Schon früh wurde ihr vermittelt, dass ihr Körper und ihre Sexualität schlecht seien und versteckt bzw. unterdrückt werden müssen. Es kommt zu einer Sexualisierung ihres gesamten Lebens. Selbst das Essen von Eis auf der Strasse oder von Bananen wird zum sexuell aufgeladenen Akt, welchen es zu unterlassen gilt (S. 13). Im Hintergrund lauert stets die Unterscheidung zwischen ehrenhaftem und unehrenhaftem Verhalten (S. 12). Nach Ates steht und fällt die Ehre der Familie bzw. der Männer mit dem Verhalten der Mädchen und Frauen der Familie. So werden diese von ihren männlichen Verwandten überwacht, kontrolliert und mit Gewalt sanktioniert. Jungs dürfen hier alles, Mädchen nichts. Da Sexualität nur in der Ehe erlaubt ist, leben sie mit einer Doppelmoral (S. 25). Männer gehen zu Prostituierten, haben Freundinnen und spielen ständig mit ihren Genitalien herum (S. 18). Analverkehr zum Schutz der Jungfräulichkeit, Schwangerschaftsabbrüche, Hymenrekonstruktionen scheinen bei Ates so alltäglich wie der Gang in den Supermarkt. Hier fangen die Probleme an und Ates macht das, was viele ihr vorwerfen: Sie pauschalisiert. Als würden alle muslimische Frauen von ihren Eltern zum Schutz ihrer Jungfräulichkeit bereits minderjährig in Zwangsehen verkauft, vergewaltigte Mädchen und Frauen zum Tode verurteilt und gesteinigt. Als würden alle Männer ihre Ehefrauen schlagen und zu Prostituierten gehen oder sich an kleinen Kindern, Schafen, Ziegen und Eseln vergreifen (S. 59). Als gäbe es auch keine Unterschiede zwischen Muslimen, die in Europa leben, und jenen in Afghanistan oder Iran. So spricht sie von „der islamischen Welt“ (bspw. S. 48) und von der „Lebenswirklichkeit einer typischen muslimischen Frau“ (S. 128).
Als „Beweis“ für die Richtigkeit ihrer Aussagen stellt Ates meist ein passendes Zitat aus dem Koran oder den Hadithen sowie Auszüge aus einem Buch von Abu Hamid al-Ghazali, eines sicherlich nicht unbedeutenden sunnitischen Imams – allerdings aus dem 12. Jahrhundert (S. 94) – und vom Alt-68er Konvertiten Hadayatullah Hübsch an den Anfang, liefert dann eine Aussage einer ihrer ominösen Interviewpartner und -partnerinnen, die meist noch nicht einmal in anonymisierter Form charakterisiert werden(2), erwähnt anschließend, dass es auch Ausnahmen gäbe und nicht alle Muslime so seien, um im selben Atemzug die Allgemeingültigkeit ihrer Anfangsbehauptung – meist mit einem „aber“ eingeleitet – zu unterstreichen.
So zum Thema Geschlechterhierarchien im Islam: Ates zitiert hierzu Al-Ghazali, der schreibt, „dass die Heirat eine Art Sklaverei bedeutet und dass die Frau die Sklavin des Mannes ist“(3). Es folgt sodann die Ansicht eines 24jährigen Türken: „Der Islam hat die Frau zum Besitz des Mannes gemacht. (...) Der Frau wurde aufgetragen, den Mann sexuell zu befriedigen. Alles zu machen, was er von ihr verlangt. Immer wenn der Mann will, soll die Frau zur Verfügung stehen“ (S. 114). Ein weiterer Beweis liefert der kursorische, aber nicht weiter ausgeführte, Hinweis auf Gespräche mit zwei Psychotherapeutinnen, um dann schließlich das für wahr zu halten, wovon am Anfang bereits ausgegangen wurde: „Diese Befunde (...) lassen sich natürlich nicht verallgemeinern, doch sie erscheinen mir symptomatisch für eine Sexualität, der es an Freiheit und Selbstbestimmung fehlt“ (S. 115). Oder auch: „Natürlich gibt es auch glückliche muslimische Ehen mit einer für beide Seiten befriedigenden Sexualität. Aber oft habe ich gehört, dass Frauen nicht nur in der Hochzeitsnacht keinen Spaß am Sex hatten, sondern während der ganzen Ehe. Viele muslimische Ehefrauen erleben nie einen sexuellen Höhepunkt und bleiben dauerhaft unbefriedigt“ (ebd.).

Welche Probleme ergeben sich aus diesem Vorgehen? Erstens lässt sich mit den religiösen Quellen auch immer das Gegenteil beweisen, was zum Beispiel auch religiös argumentierende Feministinnen machen. Sich auf eine solche theologische Debatte einzulassen, kann Sinn machen, wenn es zum einen um die Verteidigung der Rechte von Frauen in islamischen Ländern geht, wo diese Argumente eine größere Chance auf Erfolg haben,(4) und wenn es zum anderen um eine ernst gemeinte Reformbestrebung des Islams geht, wie sie beispielsweise von Fatema Mernissi oder auch von Leila Achmed angestrebt wird(5). Was Ates mit ihrer Beweisführung, dass der Islam an sich bösartig, sexual- und frauenfeindlich ist, eigentlich bewirken möchte, bleibt unklar. Wenn keine Neudeutung der islamischen Rechtsquellen möglich ist, ist dann überhaupt die von ihr geforderte Reform durch eine sexuelle Revolution des Islams realisierbar?

Zweitens werden ihre Gesprächspartner und -partnerinnen zu Kronzeugen und -zeuginnen im Prozess gegen den Islam. Hier trifft die Kritik der US-amerikanischen Soziologin Marina Lazreg zu, dass die Fokussierung auf den Islam bei gleichzeitiger systematischer Vernachlässigung wirtschaftlicher, politischer und ökonomischer Bedingungen zu einer ahistorischen und reduktionistischen Sichtweise führe, in der Frauen die Opfer eines frauenfeindlichen Islams seien. Die bzw. der objektivierte Andere fungiere als Kronzeuge/-in, um Befunde der Unterdrückung von muslimischen Frauen zu verallgemeinern(6). Die Darstellung der Frauen als Opfer erscheint weniger als ein Schulterschluss denn als Profilierung auf deren Kosten, wie das folgende Zitat verdeutlicht:
So ist Ates der Ansicht, „dass es sich beim Thema Sexualität um die tiefste Kluft zwischen der muslimischen und der westlichen Welt handelt. Und diese Kluft hat viel mit den Machtverhältnissen zwischen den Geschlechtern zu tun. In der muslimischen Welt ist das Geschlechterverhältnis nicht nur von Ungleichheit, sondern auch viel mehr als im Westen von Gewalt geprägt: Mit Gewalt wird die weibliche Sexualität unterdrückt, mit Gewalt werden Frauen zwangsverheiratet, und mit Gewalt wird die Ehre der Männer geschützt, bis hin zum Ehrenmord“ (S. 23).
Mit der Referenz auf „die islamische Welt“ ohne zeitliche und räumliche Differenzierungen wird von ihr das konstruiert, was Chandra Talpade Mohanty die average third world woman nennt(7): „An analysis of ‚sexual difference' in the form of a cross-culturally singular, monolithic notion of patriarchy or male dominance leads to the construction of a similarly reductive and homogeneous notion of what I call the ‚Third World Difference' – that stable, ahistorical something that apparently oppresses most if not all the women in these countries. And it is in the production of this ‚Third World Difference' that Western feminisms appropriate and ‚colonize' the fundamental complexities and conflicts which characterize the lives of women of different classes, religions, cultures, races and castes in these countries“(8).
Und weiter: „This average third world woman leads an essentially truncated life based on her feminine gender (read: sexually constrained) and being ‚third world' (read: ignorant, poor, uneducated, tradition-bound, domestic, family-oriented, victimized, etc.). This, I suggest, is in contrast to the (implicit) self-representation of Western women as educated, modern, as having control over their own bodies and sexualities, and the freedom to make their own decisions“(9).
Umso überraschender ist der Bruch der Darstellung, der mit dem Kapitel „Der muslimische Mann – Zwischen Macht und Ohnmacht“ einhergeht. Wenn zuvor muslimische Männer nur als prügelnde, vergewaltigende und überwachende Machos dargestellt wurden, erscheint hier ein anderes Bild: Auch Männer sind von der strikten Regulierung des Sexuellen durch religiös begründete Vorschriften eingeengt. „Die ständige Berieselung mit dem Thema Sex, die ständige Betonung, wie potent er sei, wie wenig er seine Triebe kontrollieren könne, setzen den Mann unter Druck“ (S. 135). Dass die Behauptung von Kopftuchbefürwortern, wonach muslimische Männer ihre Sexualität nicht im Zaum halten können, eine Beleidigung darstellt, legt Ates offen, jedoch scheint sie mit dem selben Argument die direkte Linie zwischen „Männlichkeitswahn“ und sexueller Fremdbestimmung zu „Pädophilie, dem verstärkten Auftreten von Sodomie(10) und ganz allgemein zu einer erhöhten Gewaltbereitschaft“ (S. 58) zu ziehen.
Eine weitere erfreuliche Differenzierung, die von Ates zumindest angemerkt, wenn auch nicht ausgeführt wird, erfolgt im letzten Kapitel des Buches. Hier wird deutlich, dass Frauen nicht nur Opfer männlich-patriarchalischer Gewalt sind, sondern ebenso ihren Anteil an der Reproduktion der Verhältnisse leisten. So schreibt Ates: „Wir hätten es schon viel weiter gebracht, wenn wir es ausschließlich mit Männern als Gegnern zu tun hätten. Stattdessen müssen Frauen auch immer gegen das Frauenbild mancher ihrer Geschlechtsgenossinnen kämpfen, wenn es um die Gleichberechtigung der Geschlechter geht“ (S. 197).

Ates` Auffassung „wer zu viel differenziert, differenziert Probleme weg“ möchte ich an dieser Stelle aber entgegen halten: Wer zu wenig differenziert, verkennt die realen sozialen Verhältnisse, die erst die Grundlage des eigenen Urteils bilden sollten. Wer soziale Verhältnisse so pauschalisiert darstellt, dass sie zur eigenen Einstellung und zum Weltbild passen, wird mit den eigenen politischen Forderungen ins Leere laufen und auf Dauer nicht mehr ernst genommen. Und die von Ates angesprochenen Probleme wie Zwangsehen, sog. Ehrenmorde und der Jungfrauenkult sollten den betreffenden Frauen und Männern zuliebe sehr ernst genommen werden. Ates Undifferenziertheit verwundert angesichts der Tatsache, dass sie durch ihre langjährige Erfahrung als Rechtsanwältin für Menschen aus muslimischen Familien deren Problemlagen recht gut kennt. Passagen, die hingegen aufzeigen wollen, dass strenggläubigen Muslimen „nicht einmal feuchte Toilettentücher“ (S. 37) reichen, um ihrem Reinlichkeitswahn nachzukommen, wirken deplatziert bis lächerlich, lassen einen roten Faden in der Argumentation vermissen und sind so differenziert, dass sie wirklich banal und irrelevant sind.

Was ist aber die von Ates geforderte sexuelle Revolution für den Islam?
Sie vergleicht zunächst die Zustände in der islamischen Welt mit jenen der BRD der 50er Jahre und stellt weitgehende Parallelen hinsichtlich autoritärer Gesellschaftsstrukturen, dem Einfluss von Religion bzw. der Kirche auf die Sexualmoral und in Bezug auf die rechtliche Situation der Frau fest. So konnten Frauen in Deutschland beispielsweise erst 1977 ohne Einwilligung ihres Ehemannes einer Erwerbstätigkeit nachgehen (S. 73). Sich an den Schriften von Wilhelm Reich orientierend, fordert sie nun eine sexuelle Revolution, wie sie die 68er-Bewegung für westliche Länder vollzog. Der Islam brauche jetzt seinen Summer of Love, seine Oswalt-Kolle-Aufklärungsfilme und Dr.-Sommer-Kolumnen (S. 39, 75ff). Dies ermögliche eine radikale Umwälzung der Geschlechterverhältnisse hin zu einer sexuellen Selbstbestimmung, Gleichberechtigung, Demokratie, Aufklärung und Moderne. Als Bedingung formuliert sie die Trennung zwischen Religion und Politik (S. 35). Die größte Hürde der sexuelle Revolution stelle dabei die Entkoppelung des Jungfernhäutchenwahns von der Familienehre (103f.) dar. Sexualität sollte nicht mehr allein im institutionellen Rahmen der Ehe ausgelebt werden können.
Ates Vergleiche hinken allerdings an einigen Stellen, wenn sie zu der Aussage kommt, dass es sich in der muslimischen Welt um eine „zeitversetzte Entwicklung“ (S. 73) handele. Denn selbst wenn es Parallelen bezüglich der rechtlichen und gesellschaftlichen Situation der Frau in der BRD der 1950er Jahre gibt, so dürfte es erheblich leichter sein, die rechtliche und real praktizierte Gleichstellung in einem säkularen Rechtsstaat durchzusetzen als in einer religiös fundierten Gesellschaftsordnung. So würdigt sie auch nicht hinreichend die Bemühungen von muslimisch argumentierenden Feministinnen in muslimischen Ländern um die Verbesserung der Lebenssituation von Frauen und wertet deren Arbeit zynisch ab: Diese „haben noch keinen nennenswerten, sichtbaren Durchbruch erzielt“ (S. 125). Um die eigene Legitimation ihrer Forderungen zu unterstreichen, bedienen sich auch säkulare Frauenrechtlerinnen in und aus muslimischen Ländern häufig eines islamischen Argumentationsrahmens, der meist zielführender im Hinblick auf die Durchsetzung von Frauenrechten ist als eine radikal säkulare Position. Der Islam wird durch itjihad, d.h. Reinterpretation islamischer Rechtsquellen, in den Dienst der Frauenemanzipation gestellt(11). Diese Frauenrechtlerinnen leisten einen wichtigen Beitrag zur Verbesserung der konkreten Lebenssituation, denn jedes einzelne Leben ist es wert gerettet zu werden – Prinzipien hin oder her. Es wäre wünschenswert gewesen, verschiedene Wege gleichzeitig anzuerkennen, denn letztlich geht es beiden Positionen um eine Gleichstellung der Geschlechter.
Das Kopftuch ist für Ates „ein Symbol der Unterordnung der Frau unter den Mann, also das Gegenteil von Freiheit. Denn erst durch die Verhüllung wird die Frau zum Sexualobjekt degradiert“ (S. 119). Dabei lässt sie nicht gelten, dass sich junge Frauen mithin auch bewusst für das Kopftuch entscheiden. Im Hintergrund dieses Vorwurfes steht eine Manipulationsannahme und implizit, dass diese Frauen keine autonomen Entscheidungen für oder gegen bestimmte Positionen treffen können(12). Kopftuchträgerinnen sind aus dieser Perspektive von patriarchalischen Familienclans gezwungen oder indoktriniert worden. Wie schnell eine solche Argumentation an die Grenzen ihrer Brauchbarkeit gerät, zeigen die Fälle einiger Mädchen, die sich nach der Einführung des Kopftuchverbotes an staatlichen Schulen in Frankreich auch gegen den Willen ihrer Eltern weigerten, dieses abzulegen. Ein Mädchen berichtete, dass sie das Kopftuch lediglich aus Angst, von ihrer Familie geschlagen zu werden, abgelegt hatte(13). Von einem selbstbestimmten, freien und gleichberechtigten Leben kann in diesem Fall kaum die Rede sein. Es gab auch Mädchen, die durchaus ein solches Kopftuchverbot befürwortet haben, was hier nicht vernachlässigt werden soll. Der zentrale Punkt an dieser Stelle liegt darin, dass das Kopftuch in seiner Bedeutung und Symbolik nicht festgeschrieben werden kann, weil es gesellschaftlich umkämpft ist und die unterschiedlichen Konfliktparteien um Deutungsmacht und Legitimation ringen. An dieser Stelle sind weitere Differenzierungen und Kontextualisierungen erforderlich. Zum einen ist zu unterscheiden, ob Frauen durch staatliche Gesetze verpflichtet sind, eine islamische Körperbedeckung zu tragen (wie beispielsweise im Iran), oder ob es grundsätzlich möglich ist, eigenständig darüber zu entscheiden wie in einem säkularen Rechtsstaat. Zum anderen können Einstellungen und Alltagspraxis auseinander fallen und widersprüchlich sein. Besonders offensichtlich ist das bei den sog. Neo-Muslimas und bei Islamistinnen zu beobachten, die urban und hoch gebildet sind und besonders seit den 1970er Jahren an die Öffentlichkeit treten(14). Abgesehen von diesen zwei Fällen gibt es noch viele Bedeutungen, die dem Kopftuch zugeschrieben werden können. Das kann eine Demonstration „kultureller Authentizität“, ein Symbol für die „nationale Befreiung“ (wie zum Beispiel im algerischen Unabhängigkeitskampf) sein oder auch traditionelle und religiös-spirituelle Beweggründe haben(15). Weiterhin geraten bei der Verengung des Fokus auf sexuelle Freiheiten andere wichtige Faktoren aus dem Blick, die zu einem veränderten Geschlechterverhältnis in islamischen Gesellschaften führen können. So ist die Teilhabe von Mädchen und Frauen an Bildung ein wichtiger Punkt, der zum einen den Blick für verschiedene Lebensentwürfe öffnen kann und zum anderen eine wichtige Voraussetzung für eine ökonomische Unabhängigkeit durch berufliche Erwerbsarbeit von der Familie darstellt. Warum ist der Orgasmus wichtiger als das Abitur? Vielleicht ist beides wichtig, aber Ates versäumt es leider adäquat darauf einzugehen und begnügt sich lediglich mit einem kurzen Verweis darauf (S. 116).
Außerdem erweckt Ates an einigen Stellen ihres Buches den Eindruck, dass eine sexuelle Revolution gar nicht möglich wäre, weil „[d]ie islamische Welt (...) keine Kritik erlaubt. Weder an der Politik, noch am Staat, noch an der Religion. Die Menschen werden nicht zu kritischen, sondern zu unkritischen Geistern erzogen“ (S. 87). Ist mit solchen Subjekten denn überhaupt eine sexuelle Revolution und damit eine Reform des Islams möglich? Scheinbar nicht: „(...) welche Interpretation des Korans man auch immer zugrunde legt: Die Frau hat das Nachsehen“ (S. 66). Wie also eine sexuelle Revolution des Islams aussehen könnte, bleibt bei Ates damit leider unklar.

Das Buch bringt keine neuen Inhalte, lässt eine klare Argumentationslinie und ausreichende Differenziertheit vermissen. Dennoch stellt es einen Diskussionsanstoß dar, um über Geschlechterverhältnisse in muslimischen Gesellschaften zu diskutieren. Nicht zuletzt sei erwähnt, dass die 68er ebenso provoziert und vielleicht nicht immer auf die analytischen Feinheiten geachtet haben.

K.P.

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Seyran Ates: Der Islam braucht eine sexuelle Revolution – Eine Streitschrift, 219 Seiten, Ullstein Buchverlag, Berlin 2009, 19,90 Euro.

Anmerkungen

(1) http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,656996,00.html, zuletzt aufgerufen am 5.04.2010.

(2) So wird über das ganze Buch hinweg aus einer E-Mail der deutschen Lehrerin „Klara“, die ganz genau zu wissen scheint, wie es in allen Betten der Vereinigten Arabischen Emiraten zugeht, zitiert, weil sie dort ja unterrichte (S. 40).

(3) Al-Ghazali zitiert nach Ates, S. 112.

(4) Wadud, A. (2007). Inside the Gender Jihad. Women's Reform in Islam. Oxford: Oneworld Publications; Tavernise, S. (2009). Islamic Women hold conference for their rights. In: International Herald Tribune vom 16.02.09: 8.

(5) Ahmed, L. (1992). Women and Gender in Islam. New Haven, London: Yale University Press; Mernissi, F. (1987). Le Harem politique. Le Prophéte et les femmes. Paris: Éditions Albin Michel S.A.; Mernissi, F. (2000). Harem. Freiburg im Breisgau: Verlag Herder.

(6) Lazreg, M. (1990): Feminism and Difference: The Perils of Writing as a Woman on Woman in Algeria. In: Hirsch, M. & Keller, E. F. (Hg.). Conflicts in Feminism. London: Routledge, 327, 332.

(7) Mohanty, C. T. (1984). Unter Western Eyes: Feminist Scholarship and Colonial Discourse. boundary 2, 12, 333-358.

(8) Ebenda, 335.

(9) Ebenda, 337.

(10) Eine der schlechtesten Stellen im Buch: „So ist wohl auch zu erklären, warum manche Muslime kein Problem damit haben, Tiere zur Befriedigung ihrer körperlichen Bedürfnisse zu benutzen. Sobald die sexuellen Gelüste in ihm erwachsen, müsste der strenggläubige Muslim eigentlich heiraten, um seinen Samen an den ‚richtigen' Ort lenken zu können. Mangels williger Sexualpartnerinnen vergreift sich der eine oder andere dann, besonders natürlich im ländlichen Raum, an Schafen, Ziegen oder Eseln“ (S. 173).

(11) Wadud, A. (2007). Inside the Gender Jihad. Women's Reform in Islam. Oxford: Oneworld Publications.

(12) Ebenda.

(13) Scott, J. W. (2007). The politics of the veil. Princeton, N.J. u.a.: Princeton University Press, 30.

(14) El-Solh, C. F. & Mabro, J. (1994) (Hg.). Muslim Women's Choices. Religious Belief and Social Reality. Oxford, Providence: Berg Publishers, 10ff. Für eine weiterführende Lektüre sei an dieser Stelle auf das hervorragende Buch von Nilüfer Göle „Republik und Schleier“ von 1995 verwiesen.

(15) Eine empirische Studie zum dem Thema liefern beispielsweise Jessen, F. & Wilamowitz-Moellendorff (2006). Das Kopftuch - Entschleierung eines Symbols? Sankt Augustin/Berlin: KAS.

20.05.2010
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