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Aktuelles Heft

INHALT #176

Titelbild
Editorial
• das erste: Am Anfang war die Tat
Rockwell
The Chariot, I Wrestled A Bear Once, The Eyes of a Traitor
Im zweiten Anlauf…
TRASH – A never ending Story
Motorcitydubs
These Boots Are Made For Stomping...
Turbostaat
Die Welt ist sehr chaotisch geworden
Johnossi
la familia y amigos festival
Nichts Neues im Westen? Doch!
The Casting Out
Alkaline Trio
The Sonic Boom Foundation
The Bronx & Mariachi El Bronx
Veranstaltungsanzeigen
• doku: Mit der Rolle in der Wolle
• doku: In Bewegung – know your feminist history
• doku: And we're running down the backstreets – Oi! Oi! Oi!
• ABC: S wie Surrealismus
• review-corner film: Dreamworks statt teamWorx!!!
• kulturreport: Deutlich auf der Seite des Guten
Die verkürzte Deutschlandkritik
• doku: Eskalation in Sachsen
Anzeigen
• das letzte: Antirassismus

LINKS

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Mit der Rolle in der Wolle

Rock am Kreuz

Im letzten Jahr rührten wir noch die Werbetrommel für die Kampagne AK09 und gegen großdeutsche Verhältnisse. Diesmal bleiben wir von deutschen Einheitsdusseleien verschont und können uns nun wieder zeitlosen Themen widmen.
Nicht nur die guten Deutschen, sondern auch ein Großteil der linken Szene hat ein großes gesellschaftliches Problem noch nicht überwunden: Die vermeintlich vorhandene Gleichberechtigung von „Frauen“ und „Männern“ und allem dazwischen und darüber hinaus lässt zu wünschen übrig. Der oft tot gesagte, böse alte Sexismus erfreut sich immer noch reger Beliebtheit in allen Teilen der Gesellschaft und somit eben auch in der Linken. Wie notwendig ein weitreichender Diskurs zu diesem Thema ist, zeigte sich für uns auch durch den Diskussionsbedarf innerhalb der „Rock am Kreuz“-Gruppe.
Da Leugnen, Wegschauen und Verschweigen leider noch nie irgendwas geändert haben, versucht das Rock am Kreuz im Jahr 2010, den Projekten und Kampagnen eine Plattform zu bieten, die sich mit dem etwas stiefmütterlich behandelten Thema Sexismus auseinander setzen. Wir wollen damit erreichen, dass antisexistische Theorie und Praxis zum Thema in der gesamten linken Szene wird und nicht nur auf den Schultern von Expert_innen-Gruppen getragen werden muss.

Totgesagte leben länger – Sexismus in der linken Szene

Antiseximus als Aufhebung von Bevorteilung oder Benachteiligung eines Menschen aufgrund seines Geschlechts existiert als Grundsatz in der linken Szene. Auf vielen Flyern steht, dass Sexismus nicht erwünscht ist oder an der Bar hängt ein Schild, dass man sich nicht „dumm anquatschen“ lassen muss. In der Realität wird Sexismus dann aber doch nur auf sexuelle Übergriffe und blöde Sprüche reduziert.
Die binäre Aufteilung der Geschlechter in „Frau“ und „Mann“ ist in der linken Szene jedoch noch zu eindeutig und unreflektiert. Dass es mehr gibt als diese beiden Kategorien, ist zwar bekannt, aber trotzdem werden Menschen, auf Grund ihres Geschlechts, bestimmte Eigenschaften unterstellt und Rollen zugewiesen.
Wenn man betrachtet, wer bei Aktionen sagt, wo es langgeht, worüber in Gruppen gesprochen wird, wer die aktuellsten Infos und Kontakte hat, muss man feststellen, dass einige gleicher als andere sind. Die gut bürgerliche Sozialisation ist eben auch nicht an der so genannten emanzipatorischen Linken vorbei gegangen. Dies äußert sich in Sportgruppen oder bei erlebnisorientierten Jugendlichen, die durch martialisches Auftreten möglichst gefährlich und böse wirken wollen. Man(n) bezieht sich auf Kampfsport oder Muskelmasse, bleibt unter sich, das kleine Frauchen darf nicht mit, denn ihr könnte ja etwas passieren, „Mann“ müsste sie beschützen und dabei ginge der ganze Spaß flöten. Innerhalb politischer Gruppen sieht die Rollenverteilung auch nicht viel besser aus. Die „Jungs“ diskutieren aggressiv und laut, schubsen bei Demos, führen die Gespräche und haben die wichtigen Infos. Die „Frauen“ diskutieren nicht so offensiv, sind die Freundin von … und am Ende des Tages dürfen sie die „Jungs“ für ihre Taten bewundern. Statt jagen geht „der Mann“ hier im Einheitslook „Nazis klatschen“ und „die Frau“ sitzt in der „Höhle“ und betreut, statt Kindern, das Info-Telefon. Diskussionsveranstaltungen sind weitere Orte, an dem sich traditionell „Männlichkeit“ zeigt. Dies betrifft nicht allein die Auswahl der Referent_innen, sondern ebenfalls das Gesprächsverhalten von anwesenden Personen. Trotz Hinweisen, dass sexistische Ausfälle, aggressives Redeverhalten und selbstgefälliges Dozieren nicht akzeptiert werden, fühlen sich die gemeinten Personen in den meisten Fällen nicht angesprochen. Vermeintliche Wissenschaftlichkeit und Checkertum in Aussagen wie: „Wie wir alle wissen, hat Adorno gesagt …“ werden eigene Meinungen zu objektiven allgemeingültigen gemacht und vor Widersprüchen sowie Nachfragen geschützt. Dabei haben die meisten Teilnehmer_innen oft nicht die Möglichkeit, diesem Habitus selbstbewusst entgegen zu treten.
Zugegeben, hier werden Extreme beschrieben, welche aber leider regelmäßig erreicht werden. In ihrer Konsequenz führen diese aber auch dazu, dass Frauen sich aus bestimmten politischen Zusammenhängen zurückziehen oder passiv am Rand stehen. Hier werden innerhalb der linken Szene gesellschaftliche Geschlechterstereotype nicht nur reproduziert, sondern verfestigt.
Aber nicht nur Frauen werden aufgrund ihres biologischen Geschlechts immer wieder in bestimmte Rollen gedrängt. Auch „Männer“ sind in der Linken mit einem ganz bestimmten Männlichkeitsbild definiert. Sie werden als funktionales Werkzeug gesehen, dass möglichst selten Gefühle zeigt, sich keine Fehler erlauben darf, immer mutig ist und so den Laden am Laufen hält sowie im Notfall die Kastanien aus dem Feuer holt. „Männer“, welche von diesem altertümlichen Bild abweichen, kriegen dann auch gern einmal die vermeintliche Männlichkeit abgesprochen. An dieser Stelle gehen Rollenzuschreibungen und Sexismus mit lookism Hand in Hand. Ganz nach dem Motto „Kleider machen Leute“, machen Kleider eben auch weiblich oder männlich. Ebenso werden Individuen, trotz eigener Freisprechung von jeglicher binärer Geschlechterordnung, von außen einer der zwei Kategorien zugeteilt. Diese Umstände lassen einen modernen feministischen Ansatz zwingend notwendig werden.

Feminismus ist tot, lang lebe der Feminismus!

Seit den 70er Jahren scheint in punkto Gleichberechtigung viel erreicht worden zu sein: Frauen werden in der Gesellschaft und vor dem Gesetz als gleichberechtigt dargestellt. Immerhin dürfen sie arbeiten, können Bundeskanzlerin werden oder abtreiben. Aber war das schon alles? Wie viel Feminismus brauchen wir eigentlich noch?
Leider verbindet die Öffentlichkeit heute mit Feminismus nur schlechte Attribute: unattraktiv, unsexy, männerfeindlich, verkrampft. Um an der Stelle nur einen exemplarischeren Aspekt des alten Feminismus zu nennen, der mittlerweile schon graue Achselhaare hat: Die Sexfeindlichkeit der Linken. Der Sexismus lastet so sehr auf der linken Szene, dass Sex an sich zu einem Störfaktor geworden ist. Durch die, innerhalb der linken Szene, feministisch geprägte Vorstellung, dass Sex auf Unterdrückung beruht, ist der Gedanke um das sexuelle Miteinander verloren gegangen bzw. wird ausgeschwiegen. Die Frage nach einer selbstbestimmten Sexualität zieht auch die Frage nach sich, ob die Linke sexy sein darf und Schönheit unabhängig von der aktuellen Modeindustrie möglich ist. Denn durch den Schlabberlook ist die Kritik an der sexualisierten Gesellschaft weit verfehlt. Es gilt das Uneindeutige, Nichtfestgelegte wieder sexy sein zu lassen. So kann Beweglichkeit zwischen den Kategorien „Mann“ und „Frau“ verdeutlicht und Selbst- und Fremdzuschreibungen in Frage gestellt werden. Feminismus scheint heute ausschließlich etwas für Leute zu sein, die einfach nicht wahrhaben wollen, dass „die Gleichberechtigung längst durch“ ist.
Dabei sollte Feminismus schon immer etwas anderes bedeuten: Ein Ensemble von Debatten, kritischen Erkenntnissen und emanzipatorischen Bewegungen, das die patriarchalen Geschlechterverhältnisse analysieren und verändern will. So muss es auch wieder in Mode kommen. Feministische Theorien und Kämpfe sind innerhalb linker Strukturen nach wie vor unabdingbar. Feminismus bedeutet nicht, dass „Frauen“ neue „Männer“ sein sollen, sondern alle Menschen die Möglichkeit haben, individuell zu entscheiden, wer sie sind und sein wollen. „Männer“ sollen nicht länger Feind, sondern Freund des Feminismus sein, denn alle profitieren davon. Die Abschaffung der Rollen eröffnet allen neue Möglichkeiten, ob es sich nun um „Frauen“, „Männer“, Queers, Transgender oder Regenwürmer handelt. Feminismus ist die Notwendigkeit von – eben nicht nur weiblicher, sondern menschlicher – Emanzipation. 
 
Aus diesem Grund bieten wir im Rahmen des Rock am Kreuz verschiedenen Künstlerinnen und Gruppen in Form von Schrift-, Redebeiträgen und Auftritten die Möglichkeit, für ihre und unsere Sache Werbung zu machen. Wir wollen auf bestehende Probleme innerhalb der Linken aufmerksam machen, um einen Diskurs anzuregen.

Rock am Kreuz-Crew

 

22.04.2010
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