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Aktuelles Heft

INHALT #171

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Editorial
• das erste: K.I.Z. zum Ersten
• das erste: K.I.Z. zum Zweiten
Masta Ace & Edo G: Der Tag-Team Abend!
A MOUNTAIN OF ONE
THE GIFT
Oi! The Meeting 2010 – warm up show
Oh my „SIR“ Rodigan – can't wait to see you rock again ...
Ohrbooten
When the bass gets connected...
Hot Christmas Hip Hop Lounge
Edge - the movie
Mr. Symarip (aka Roy Ellis)
New Moon over Europe Tour 2009
Muff Potter
The Adicts
Trip Fontaine, Patsy o' Hara
MITTE02: Dixon, Sevensol
Snowshower
Conne Island NYE clash
Veranstaltungsanzeigen
• review-corner buch: Den Deutschen ins Stammbuch geschrieben...
• review-corner buch: „Nur nicht heute Abend lass uns die Worte finden“
• review-corner film: Über den Pfad der Tugend und sein Ergebnis
• cyber-report: Offene Springquellen des Reichtums
• interview: „Revolutionen haben den Vorteil, daß man sie nicht prognostizieren kann“
• ABC: K wie Klassenkampf
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• das letzte: Wer hat uns verraten?

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„Nur nicht heute Abend lass uns die Worte finden“

Ingeborg Bachmann und Paul Celan

Zu Herzzeit. Ingeborg Bachmann – Paul Celan. Der Briefwechsel. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2008.

Was ist zu erwarten, wenn sich eine Dichterin und ein Dichter Liebesbriefe schreiben? Mit dieser vom Titel „Herzzeit“ evozierten Frage mag man zunächst an den seit einiger Zeit im Suhrkamp Verlag vorliegenden Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan herantreten. Doch wer erwartet, von briefförmiger Liebeslyrik erbaut zu werden, der irrt – und wird sich zunächst darüber klar werden müssen wer sich hier – und zu welcher Zeit – schreibt. Es sind zwei der bedeutendsten deutschsprachigen Dichter nach 1945, die bei gemeinsamer Sprache doch kaum aus unterschiedlicherem Hintergrund hervortreten könnten. Paul Celan überlebte als Jude aus der Bukowina ein rumänisches Arbeitslager und die Shoah. Die etwas jüngere Ingeborg Bachmann wuchs in einer Familie strammer Nazis in der österreichischen Provinz auf. Beide korrespondierten miteinander zwischen 1948 und 1967 – und die Qualität der Briefe deckt ein weites Spektrum ab, das sich analog zum Verlauf des Verhältnisses der Beiden von passionierten Liebesbriefen bis zu unterkühlt-sachlichen Informations- und Buchaustausch erstreckt. So dokumentiert der Briefwechsel die Beziehung zweier Menschen, die sich stets im Rahmen einer emotionalen Aufgeladenheit abspielt, die häufig in wenigen Zeilen – und wie so oft bei Briefen mehr noch in den Zwischenräumen derselben – ihren Ausdruck findet. Die Liebesbeziehung der Beiden scheiterte dabei genauso wie der Versuch, das Verhältnis in eine solide Freundschaft zu verwandeln, in der gegenseitige Verletzungen ausbleiben. Recht abrupt brach die Korrespondenz im Jahre 1961 ab (danach gibt es nur noch vereinzelte erhaltene Briefe), als die Eindrücke der nicht enden wollenden Wirrungen um die Plagiatsvorwürfe der Witwe des französischen Dichters Yvan Goll begannen, sich bei Celan zu schwerwiegender psychischer Krankheit zu verdichten.

Aber – und das macht den besonderen Wert des Bandes aus – hier schreiben sich auch eine Dichterin und ein Dichter, die sich der Herausforderung, nach Auschwitz Lyrik zu schreiben gestellt haben – im vollsten und wachen Bewusstsein der schieren Unmöglichkeit, des permanenten Scheiterns dieses Unterfangens. Damit bewegen sie sich im Spannungsfeld einer Aporie, die dem berühmten und zumeist missverstanden Diktum Adornos, nach Auschwitz Gedichte zu schreiben sei barbarisch, innewohnt: Als Dichter nach Auschwitz vor dem Grauen zu verstummen, und doch trotzdem und gerade deshalb schreiben zu müssen, denn „das Übermaß an Leiden duldet kein Vergessen“ (Adorno). Beide kämpfen sie folglich stetig mit der Angst vor dem Verstummen – ein Topos der sich wie in den Briefen so auch vielfach reflektiert in der Lyrik Celans wiederfindet, die das Versagen der Sprache im Angesicht des Unsagbaren in Gedichten wie ...RAUSCHT DER BRUNNEN beschwört: „Ihr gebet-, ihr lästerungs-, ihr / gebetscharfen Messer / meines / Schweigens. // Ihr meine mit mir ver- / krüppelnden Worte, ihr / meine geraden.“

So sticht zwischen abgesandten und nicht abgesandten Briefen, solchen von unmittelbarer und welcher ohne jede Antwort, vor allem das Schweigen heraus. Die vom Verstummen über Verletzungen gezeichnete persönliche Ebene der Beziehung verquickt sich hier mit der Skepsis gegenüber der Sprache der Täter von Auschwitz, dem Bewusstsein auf eine Sprache zurückgeworfen zu sein „in die ich kein Vertrauen mehr habe, in der ich mich nicht mehr ausdrücken will.“ (Bachmann) Und doch bleibt diese Sprache zugleich der einzige Zufluchtsort und das Einzige, in dem der staatenlose Holocaust-Überlebende Celan, dem Freunde und Familie von den Nazis weggemordet wurden, so etwas wie „Heimat“ finden kann. Diese paradoxe Konstellation aus radikalem Zweifel und unbedingtem Festhalten an Sprache muss selbst zum poetologischen Programm erhoben werden, um Lyrik nach Auschwitz, die sich der Tatsache des „Zivilisationsbruchs“ (Dan Diner) nicht entzieht, überhaupt möglich zu machen. Sie muss fortan, wie Celan an anderem Ort formulierte, eine nüchternere „grauere Sprache“ sprechen, die dem „Schönen“ misstraut und deren „Musikalität“ fernab von einem „Wohlklang“ zu suchen ist, der neben dem „Furchtbarsten“ obszön misstönt, während er einer unrettbar verlorenen Tradition nachhängt.
Zunächst lässt sich diese Konstellation als eine dem Denken und Schreiben von Bachmann und Celan gemeinsame erkennen. Und doch werden gerade von diesem Punkt aus Differenzen sichtbar – und damit eine unterströmige Tendenz, die den ganzen Briefwechsel durchzieht. In all den Verletzungen und Enttäuschungen wird fast immer mehr offenbar als verletzte Gefühle von (ehemals) Liebenden. Es ist immer auch die Auseinandersetzung des überlebenden Juden und der Tochter eines Nazis, die eine persönliche Ebene imprägniert, sich mit dieser bis zur Unkenntlichkeit verschränkt. Damit erhalten die Verletzungen eine ganz andere Virulenz auf beiden Seiten. Celan bezweifelt stets die Solidarität Bachmanns mit ihm, der sich noch immer und immer wieder neu in der Rolle des Außenseiters, des Anderen (und oft auch ganz deutlich: des Juden) im deutschsprachigen Literaturbetrieb der Nachkriegszeit wieder findet. Bisweilen gewinnt sein Misstrauen dabei paranoide Züge – ein Verhalten, das er mit anderen der Shoah Entronnenen teilt. Das belegt z. B. eindrucksvoll Celans Briefwechsel mit Nelly Sachs, die unter Ähnlichem litt – und mit der ihn damit eint, was ihn zugleich von Bachmann trennt.
Bachmann reagiert auf dieses Misstrauen wiederum besonders echauffiert, versteht sie sich doch als Celans bedingungslose Fürsprecherin im ihr zwar selbst verhassten deutschen Kulturbetrieb, zu dem sie aber zugleich ein weitaus unproblematischeres Verhältnis unterhalten kann. Tatsächlich blieb Ingeborg Bachmann zeitlebens eine solidarische Fürsprecherin des Celanschen Werks: Noch 1967 trennte sie sich vom Piper Verlag, weil dieser den Nazi-Dichter Hans Baumann für einen Achmatova-Übersetzungsauftrag Paul Celan vorgezogen hatte. Und doch – bei aller Empathie gelang es Bachmann nicht immer, den Antisemitismus und die Perfidie, die Celan aus dem deutschen Kulturbetrieb ungebrochen entgegenschlugen, in ihrem ganzen Ausmaß zu erkennen. Besonders deutlich wird das, als der Literaturkritiker Günter Blöcker im Oktober 1959 im Tagesspiegel eine Rezension zu Celans Sprachgitter schreibt. Celan ist – zu Recht – entrüstet über das antisemitelnde Machwerk, das mit der ganzen Spanne von subtil verpacktem Ressentiment auffährt: Es sind die Zeit seines Lebens wiederkehrenden Vorwürfe, Celans Lyrik sei wirklichkeitsfremd, zu abstrakt, reine Sprachkombinatorik ohne „tieferen“ Sinn, von „Mangel an dinghafter Sinnlichkeit“ geprägt und damit kalt, oberflächlich, rational und leer – alles Topoi, die zutiefst im modernen Antisemitismus verwurzelt sind. Aber Blöcker kleidet seinen Antisemitismus nicht einmal an allen Stellen ins Gewand ästhetischer Kritik: Celan, der eine „größere Freiheit der deutschen Sprache gegenüber“ habe, sei weniger von deren „Kommunikationscharakter belastet“ als andere „dichtende“ (lies: deutsche) Kollegen: „Das mag an seiner Herkunft liegen.“ Die neutralisierende Rede von der „Herkunft“ ist symptomatisch für die von solchen rhetorischen Latenzen durchsetzte Sprache der deutschen Nachkriegszeit, die stets anspricht, was sie nicht mehr aussprechen darf – gemeint ist hier freilich immer noch „der Jude.“
Wie aber reagiert Bachmann darauf, die der entsetzte Celan um Beistand in der Angelegenheit bittet? Sie fragt sich zunächst immerhin „ob Antisemitismus der Grund“ für Blöckers Verriss sei – aber schweigt dann einmal mehr. Richtiggehend zynisch liest sich ein Brief von Max Frisch, der zu diesem Zeitpunkt mit Bachmann zusammenlebte und dessen kurzer Briefwechsel mit Celan dem vorliegenden Band ebenso beigefügt ist wie der überraschend herzliche zwischen Bachmann und Celans Ehefrau Gisèle Celan-Lestrange. Auf Celans empörte Zusendung der Blöcker-Rezension, die er mit „Hitlerei, Hitlerei, Hitlerei. Die Schirmmützen.“ überschreibt, reagiert Frisch distanziert. Er nimmt Celans Betroffenheit offensichtlich nicht ernst und entwertet tendenziell den Vorwurf des Antisemitismus. Dafür fabuliert er ausgiebig über „Selbstgerechtigkeit“ und warnt im Bezug auf ein brillantes Antwortschreiben, das Celan schließlich selbst an die Redaktion des Tagesspiegels richtete, vor falscher „Eitelkeit“ und „gekränktem Ehrgeiz“ des Dichters seinem Rezensenten gegenüber. Die von Celan gegen Blöckers Vorwurf der mangelnden Sachhaltigkeit seiner Lyrik in Stellung gebrachte „Anrufung“ von Auschwitz und anderen Vernichtungslagern, so Frisch, sei „unerlaubt und ungeheuer“, wäre „auch nur ein Funke“ besagter Sentimente in Celans Zorn enthalten. Damit verhält Frisch sich nicht nur ignorant gegenüber der Offensichtlichkeit des Blöckerschen Antisemitismus, sondern sein Verhalten erfüllt selbst den Tatbestand eines sekundären Antisemitismus, der den Juden vorwirft, immer über das sprechen zu müssen, worüber zu schweigen sich alle Anderen stillschweigend geeinigt haben. So reiht er sich ein in die Riege der zeitgenössischen deutschsprachigen Literaten, die Celan zwar durchaus wahrnahmen – und ihn auch einmal bei einer Tagung ihrer Gruppe 47 teilnehmen ließen – ihm aber eigentlich mit dem selben Gestus und ähnlichen Argumenten wie Blöcker überdeutlich signalisierten, eben nicht einer von ihnen sein zu können. Tatsächlich bedeutete die Konfrontation mit Celan, der nie bereit war sich auf zweifelhafte Schweigeabkommen über Schuld und Verstrickung einzulassen, wie sie gerade den Kreis der Gruppe 47 zunächst charakterisierten, für die Bölls, Anderschs und all die anderen „patentierten Antinazis“ die sich in ihrer fragwürdigen „seinerzeitigen Unbescholtenheit aufs bequemste und einträglichste“ (Celan) eingerichtet hatten, eine Bedrohung eben dieses Konsens'.
Selbst noch im Nachwort der HerausgeberInnen des mit ausführlichem Anmerkungsapparat versehenen und präzise editierten Bands ist in Bezug auf die Blöcker Rezension lediglich von der „als antisemitisch empfundenen Sprachgitter-Rezension“ verharmlosend die Rede. Dabei wird gerade aus der Perspektive der historischen Distanz deutlich, wie allein Paul Celan als unmittelbar Betroffener in der Lage war, sofort zu einer illusionsfreien und richtigen Einzuschätzung zu gelangen. In einem „Notschrei“, der die tiefe Enttäuschung über das fehlende Engagement Bachmanns, Frischs und der Mitglieder der Gruppe 47 in der Blöcker-Affäre bezeugt, droht er Bachmann mit dem Bruch. Es ist die Enttäuschung über die ausbleibende Reaktion von der einen (geliebten) Person, bei der sich Celan verstanden gefühlt hatte: „Du weißt – nein, Du wusstest (...) – das die Todesfuge auch dies ist für mich: eine Grabschrift und ein Grab. (...) Auch meine Mutter hat nur dieses Grab.“ (Blöcker hatte sich auch abfällig über die „vielgerühmte Todesfuge“ geäußert und wurde für Celan damit zum „Grabschänder“.)

Zum endgültigen Bruch kam es damit nicht. Bachmann, durch die aus der Affäre resultierenden Spannungen tatsächlich in Verzweiflung gestürzt, und Celan bewegten sich weiter in wechselnden Richtungen aufeinander zu und voneinander weg. In wie fern ihre Leben damit tatsächlich etwas „Exemplarisches“ hatten, wie in einem Brief von Bachmann einmal evoziert wird, bleibt eine offene Frage. Jedenfalls schrieben sich hier zwei Menschen im Schatten historisch fürchterlich bewegter Zeit, deren weiterwirkende Konflikte sich untrennbar mit ihrer Beziehung verschlangen. An diesem sich so nahe und zugleich so fern Sein fanden damit immer wieder auch die persönlichen Vermögen der beiden Schreibenden ihre Grenzen. Die äußerste war schließlich doch das Verstummen – bedingt durch das letztendliche Überhandnehmen des Leidens, das beide in schwere psychische Krisen stürzte – und schließlich zu Celans Selbstmord in der Seine im Jahre 1970 führte.
Und doch gilt sicher auch Heute noch für so manche Bibliothek, was Celan einmal an Bachmann schrieb, um innere wie äußere Distanzen zu überbrücken: „Unsere Bücher stehen nebeneinander.“ Zwischen die Werke von Ingeborg Bachmann und Paul Celan lässt sich dort nun ein bewegendes Buch als gedruckte Manifestation der fernen Nähe zwischen Beiden stellen.

Sebastien Surleau

23.11.2009
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