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Aktuelles Heft

INHALT #168

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Editorial
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• das erste: An den Stadtrand abgeschoben
Chuck Ragan, Fake Problems, Digger Barnes
From Amen to Z
It’s all about the skit
RAEKWON
Station 17
electric island
Joker
Antitainment
On, Common Cause
Veranstaltungsanzeigen
Einladung an alle aktiven Gruppen im und ums Conne Island
• ABC: R wie Rassismustheorie
• review-corner buch: Das Problem heißt: Antiziganismus
• cyber-report: Nenne eine deutsche feministische Linguistin…
Kunst der Entfesselung
• doku: Still not lovin‘ Germany
• doku: Veranstaltungen
• sport: Ultras Red Bulls
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Kunst der Entfesselung

Die „autonome Universität“ und das Ende des Universalismus

Die Lust an der Freiheit

In Peter Weirs Film „Der Club der toten Dichter“, der für viele Mitte der siebziger Jahre Geborenen eine ähnliche Bedeutung als pädagogischer Utopielieferant gehabt haben dürfte wie für ältere Generationen „Die Feuerzangenbowle“, spielt Robin Williams den linkscharismatischen, penetrant gutherzigen Lehrer John Keating, dessen Dauergrinsen für seine Schüler inmitten der repressiven Atmosphäre ihres Elite-Internats Vorschein einer durch Einbildungskraft beseelten besseren Wirklichkeit ist. In Wahrheit ist er eher ein emotionaler Fitnesstrainer und verkörpert gegenüber den abgehalfterten pädagogischen Autoritäten, die der subjektiven Befindlichkeit ihrer Schüler mit Gleichgültigkeit begegnen und nur auf Leistung pochen, den guten Papa, der jedem Zögling ein „Sei Du selbst!“ mit auf den Weg gibt und dessen Kompetenz weniger in seinen Fähigkeiten als in seiner „ganzen Person“ besteht. Konsequent agiert er mit vollem Körpereinsatz, wirft sich beim Gedichtrezitieren mit geröteten Wangen in die Brust, ermuntert die Schüler, auf das Lehrerpult zu steigen, um zu sehen, wie die Welt von dort oben aussieht, und gibt euphorisierende Parolen von sich wie ein Fähnleinführer. Einige von Keatings Fans gründen die Geheimgesellschaft „Club der toten Dichter“, um im Geiste ihres Lehrers ohne institutionellen Zwang Gedichte lesen und schreiben zu können. Als im Zuge ihrer Partisanenaktivitäten ein Schüler verunglückt, gibt die Schulleitung dem progressiven Pädagogen die Schuld. Bevor dieser seinen Abgang hat, erklimmt der schüchternste Zögling das Pult und verabschiedet sein Idol mit den Worten „Oh Captain, mein Captain“.

Aufmerksame Zuschauer haben sich schon seinerzeit gefragt, worin denn die Schulkritik dieses Films bestehen soll, war es doch ganz einfach der letzte Schrei pädagogischer Modernisierung, der hier als das Andere der schlechten Realität ausgegeben wurde. Heute ist aus dem Film noch der letzte Rest widerständigen Potentials gewichen. Selbst an den Universitäten grinst jeder Juniorprofessor wie Robin Williams, und strukturkonservative Dozenten werden von Bachelor-Studenten gefragt: „Warum machen wir denn keine Gruppenarbeit?“ Der Individualforscher, der seinen Genuss an einsamer Arbeit über den Büchern findet, ist ersetzt worden durch den Motivationstrainer, für den noch die verbindlichste Erkenntnis ein „Ereignis“ ist und der den Examenskandidaten, deren Anzahl ein Kriterium für seine Evaluation darstellt, die Wahrheit aufschwatzen muss wie ein Focus-Abonnement. Dabei lässt sich von John Keating lernen, wie es sich mit der „Lust am freien Denken“ verhält, mit der die von staatlicher Gängelung befreite „entfesselte Universität“ der Gegenwart so gerne wirbt. Im Modus der Konfrontation vom Zwang der Institution, die aus den Schülern keine guten Menschen, sondern brave Schulabgänger machen will, mit der Herzenswärme des Charismatikers, der den Schülern nicht in seiner sozialen Rolle, sondern als durch freiwillige Hingabe sanktionierter Guru begegnet, stellt der Film nicht Norm und Freiheit, sondern zwei Modelle von Autorität gegenüber.

Die Autorität der Institution ist repressiv, jedoch in ihrer Repression egalitär: Für sie zählt nur, was der Einzelne leistet und wie gut er gehorcht, aber nicht, wer er „eigentlich“ ist. Die Autorität des Charismatikers dagegen appelliert an jeden Einzelnen persönlich und drängt nicht auf Einhaltung von Regeln, sondern auf Gehorsam ohne Befehl; nicht auf abstrakte Uniformität, sondern auf individuellen Konformismus. Sie ist weniger Verbots- als Schutzmacht: Nicht der Schüler hat ihr gegenüber Leistungen zu erbringen, um belohnt zu werden, sondern sie schenkt dem Schüler Wärme und Vertrauen, um ihn nicht als Schüler, sondern als „ganzen Menschen“ zu verpflichten. Solche Autorität produziert keine Freiheit, sondern refraktäres Ketzertum, das sich, wie die Schlussszene des Films zeigt, im selben Moment, da es sich gegen die Autorität der Institution erhebt, der im „Captain“ personifizierten charismatischen Herrschaft umso blinder ausliefert. Im System der repressiven Institution hätte aus dem schüchternen Außenseiter womöglich ein autonomes Individuum werden können, weil Abstraktion und Vereinzelung demjenigen, der ihnen standzuhalten und sie zu reflektieren vermag, zu einem starken Ich verhelfen können, das sich gegen den Prozess seiner Hervorbringung im Namen seines eigenen Prinzips wehrt. Der paternalistische Charismatiker dagegen, der gegen die Institution aufmuckt wie der Bürger gegen den Staat, weil es ihm um die „Menschen“ in ihrer Eigentlichkeit geht, sistiert diesen Prozess. Indem er seinen Zöglingen den Zwang zur Vereinzelung erspart, ohne an dem institutionellen System etwas zu ändern, erkauft er sich ihre persönliche Hörigkeit, in der sich ihr unverwechselbares Selbst realisieren soll. Deshalb leuchten seinen Schülern vor jeder Stunde die Augen in ehrlicher Vorfreude: Von paternalistischer Autorität gewährte Freiheit verschafft Lust, weil sie Protektion verschafft. Substantielle Freiheit dagegen macht Angst: vor dem Ausschluss aus der Gesellschaft; davor, dass die nächsten Menschen einem plötzlich die fernsten werden, ja dass man selbst ein anderer werden könnte. Kants Begriff der Aufklärung wollte den Menschen helfen, sich vor dieser Freiheit nicht allzu sehr zu fürchten.

Freiheit als Zumutung

Der einschlägige Passus in Kants „Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?“ gilt „aufgeklärten“ Linken heutzutage als Ausweis von Kants Verhaftung in „bürgerlicher Ideologie“: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. ... Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so großer Teil der Menschen, nachdem sie die Natur längst von fremder Leitung freigesprochen ..., dennoch gerne zeitlebens unmündig bleiben; und warum es anderen so leicht wird, sich zu deren Vormündern aufzuwerfen. Es ist so bequem, unmündig zu sein. Habe ich ein Buch, das für mich Verstand hat, einen Seelsorger, der für mich Gewissen hat, einen Arzt, der für mich die Diät beurteilt, usw.: so brauche ich mich ja nicht selbst zu bemühen. ... Dass der bei weitem größte Teil der Menschen (darunter das ganze schöne Geschlecht) den Schritt zur Mündigkeit, außer dem, dass er beschwerlich ist, auch für sehr gefährlich halte: dafür sorgen schon jene Vormünder, die die Oberaufsicht über sie gütigst auf sich genommen haben. Nachdem sie ihr Hausvieh zuerst dumm gemacht haben, und sorgfältig verhüteten, dass diese ruhigen Geschöpfe ja keinen Schritt außer dem Gängelwagen, darin sie sie einsperreten, wagen durften: so zeigen sie ihnen nachher die Gefahr, die ihnen drohet, wenn sie es versuchen, allein zu gehen. Nun ist diese Gefahr zwar eben so groß nicht, denn sie würden durch einigemal Fallen wohl endlich gehen lernen; allein ein Beispiel von der Art macht doch schüchtern, und schreckt gemeinigleich von allen ferneren Versuchen ab.“

Arrogant und oberlehrerhaft, so der geläufige Einwand, fertigt hier ein Bürger, der von „falschem Bewusstsein“ keine Ahnung hat, die den Individuen zur zweiten Natur gewordene Heteronomie als Resultat von „Faulheit“ und „Feigheit“, mithin als individuell zurechenbare Schuld ab. Gerade die Insistenz auf der individuellen Zurechenbarkeit von Unmündigkeit, die Kant mit all jenen verbindet, auf die „aufgeklärte“ Linke sich gern berufen, macht jedoch die Radikalität seines Autonomiebegriffs aus und ermöglicht ihm Einsichten, die sich heute wie eine Beschreibung des bildungspolitischen Status quo lesen. Nicht zufällig nennt Kant als Beispiele für „Vormünder“ die Gelehrten, Seelsorger und Ärzte. Im Gegensatz zu Bürokraten und Deputierten kommt ihnen Autorität nicht als Äußerliches, mit ihrem sozialen Status Verbundes zu, sondern realisiert sich in ihrem persönlichen Wesen, ihrem pädagogischen oder schamanischen Eros. Sie schützen, was sie beherrschen, und unterwerfen, indem sie fördern, heilen oder trösten. Im Begriff des „Vormunds“, der Autoritäten bezeichnet, die sich für diejenigen einsetzen, die sie entmündigen, ist dieser Doppelcharakter aufbewahrt. Wer im Fall des Normverstoßes mit Strafe droht, unterstellt beim anderen immer auch eine, wenngleich zu unterdrückende, Fähigkeit zum Widerstand. Die Vormundschaft hingegen bedeutet ihren Schützlingen, sie könnten nur in Eintracht mit ihr die ersehnte Freiheit erlangen, nicht aber gegen oder ohne sie. Der Normautorität muss man nur gehorchen, seinem „Vormund“ hat man Dankbarkeit entgegenzubringen. Angesichts der trüben Melange von institutioneller Herrschaft und Vormundschaft, auf welche Aufklärung zu regredieren droht, kann den aufrechten Gang (zu Kants Zeit noch unverbrauchte Metapher bürgerlicher Freiheit) nur lernen, wer das Fallen riskiert. Der Vorwurf der „Faulheit“ und „Feigheit“ gegen die im Stande der Unfreiheit Verharrenden verleugnet nicht den internalisierten Zwang – Kant selbst konzediert, die „Unfreiheit“ sei den Menschen „beinahe zur zweiten Natur geworden“ –, sondern appelliert daran, dass es jedem, ohne Ansehen von Stand und Geschlecht, prinzipiell möglich sei, Verhältnisse abzuschaffen, die den Naturzwang verewigen, und sich aus diesen zur Mündigkeit „herauszuarbeiten“. Aus Furcht vor dieser Zumutung, aus der Ahnung, dass Sicherheit und Gewalt miteinander verfilzt sind, Freiheit also Unsicherheit bedeuten könnte, kehren die zum autoritären Widerstand aufgestachelten Schüler in Peter Weirs Film der Institution den Rücken, statt sie hinfällig zu machen, und werfen sich Keating in die Arme, der so tut, als ließe sich der Gegensatz zwischen Pflicht und Glück durch einen reinen Willensakt aufheben: durch Bekenntnis zur Autorität des Charismatikers, der die Personalunion von Kopf, Herz und Hand verkörpert.

Institutionalisierter Universalismus

Wilhelm von Humboldts Reflexionen zur universitären Bildung, deren Integrität keinen Schaden dadurch nimmt, dass Annette Schavan sich auf sie beruft, sind der Versuch, den institutionellen Rahmen zu bestimmen, in dem sich ein durch keine Vormundschaft eingeschränkter Begriff geistiger Autonomie mit seinen spezifischen Denk- und Erkenntnisformen verwirklichen könnte. Humboldt geht dieser Frage auf drei Ebenen nach: anhand des Verhältnisses der Forschenden untereinander, des Verhältnisses von Lehrern und Schülern sowie zwischen Universität und Staat. Trotz rhetorischer Berufung auf die angeblich den Endzweck aller Bildung ausmachende „moralische Kultur der Nation“ bestimmen seine Ausführungen „Über die innere und äußere Organisation der höheren wissenschaftlichen Anstalten in Berlin“ geistige Bildung weder als instrumentelles Wissen noch als organischen Ausdruck einer Nationalkultur, sondern als „einen nicht absichtlich, aber von selbst zweckmäßig vorbereiteten Stoff“, der seinen immanenten Konstitutionsgesetzen folge, die ihrerseits nur „mit der subjektiven Bildung“ vermittelt, zu sich selbst kommen könnten. Die „objektive Wissenschaft“ existiert demnach nicht als außerhalb oder über den Subjekten Vorhandenes, sondern erlangt ihre universale Verbindlichkeit allein dadurch, dass die Subjekte in ihrer Unterschiedlichkeit und Widersprüchlichkeit sie immer wieder aufs Neue aus sich heraus hervorbringen. Deshalb ist Wissenschaft an der Universität im Gegensatz zur Schule, die „es nur mit fertigen und abgemachten Kenntnissen zu tun hat“, stets „als ein noch nicht ganz aufgelöstes Problem“ zu behandeln. Die berühmte Formel von der „Einsamkeit und Freiheit“ hat nichts Heroisches, sondern drückt präzise aus, dass Zusammenarbeit auf dem Gebiet geistiger Erkenntnis nicht als „Teamwork“ auf der Basis von Arbeitsteilung und Ersetzbarkeit funktionieren kann, sondern nur als „sich immer selbst wieder belebendes, aber ungezwungenes und absichtsloses Zusammenwirken“ – „und zwar nicht bloß, damit einer ersetze, was dem anderen mangelt, sondern damit die gelingende Tätigkeit des einen den andern begeistere und allen die allgemeine, [...] in den Einzelnen nur einzeln oder abgeleitet hervorstrahlende Kraft sichtbar werde“. Die besten Traditionen des bürgerlichen Liberalismus leben in dieser Konzeption fort als Vorstellung, dass die Konkurrenz der je Einzelnen deren Fähigkeiten und Erkenntnisse nicht auf ein schlecht Allgemeines hin nivelliere, sondern sie in ihrem Wahrheitsgehalt, der eben nie „einzeln“ oder „abgeleitet“, sondern nur als „ungezwungenes“ und „absichtsloses“ Allgemeines sich verwirklichen kann, überhaupt erst hervortreten lasse. Deshalb besteht zwischen Lehrern und Schülern weder ein Verhältnis autoritärer Unterordnung noch eine kumpaneihafte Partnerschaft. Die nicht wegzurechnende Sachautorität des Lehrers gegenüber den Schülern, die soziale und intellektuelle Distanz zwischen beiden, wird vielmehr als Voraussetzung autonomer Erkenntnis bejaht: „[S]ein Geschäft hängt mit an ihrer Gegenwart ...[E]r würde, wenn sie sich nicht von selbst um ihn versammelten, sie aufsuchen, um seinem Ziele näherzukommen durch die Verbindung der geübten, aber eben darum auch leichter einseitigen und weniger lebhaften Kraft mit der schwächeren und noch parteiloser nach allen Richtungen mutig hinstrebenden.“

Weit davon entfernt, die Diskrepanz zwischen Lehrern und Schülern autoritär aufzuheben, wird diese zum Konstituens einer Gewaltenteilung, in der sich Lehrer und Schüler wechselseitig helfen, indem sie die Borniertheit des je anderen kontrollieren und korrigieren: Die notwendige intellektuelle Verhärtung und Einseitigkeit des Lehrers findet ihr Korrektiv in der „Parteilosigkeit“ des Schülers, deren notwendige Blindheit ihrerseits durch den geistigen Widerstand des Lehrers in die Schranken gewiesen wird, damit die Erkenntnis, der beide dienen, sich nicht willkürlich oder nach autoritativen Normen, sondern ihrer eigenen Logik gemäß entfalten kann. Eben dieses Prinzip wechselseitiger Korrektur und Kontrolle bestimmt auch das Verhältnis zwischen Universität und Staat. Von ihrer inneren Konstitution her sind die wissenschaftlichen Anstalten „von aller Form im Staate losgemacht“, da sie „nichts anderes als das geistige Leben der Menschen“ vorstellen, dessen universaler Gehalt sich in ihren Institutionen konkretisiert. Der Staat muss sich daher „immer bewusst bleiben, ... dass die Sache an sich ohne ihn unendlich besser gehen würde“ und dass er von den Universitäten „nichts fordern“ darf, „was sich unmittelbar und geradezu auf ihn bezieht“. Dies ist jedoch kein Plädoyer für eine „autonome Universität“ im Sinne einer von staatlicher Direktive lediglich freigesetzten Cliquenherrschaft, wie sie sich derzeit unter dem Alibi einer „entfesselten“, in Wahrheit eingefrorenen und destruktiv gewendeten Konkurrenz zu verwirklichen droht. Die Verwaltungs- und Antragsprosa, aus der Humboldts bildungspolitische Schriften hauptsächlich bestehen, zeugt im Gegenteil für sein Bewusstsein, dass universitäre Autonomie, solange der Staat fortbesteht – und die Perspektive seiner Abschaffung nimmt Humboldt nicht in den Blick –, eben nur durch staatliche Reglements hindurch, und nicht durch staatlich sanktionierte „Freisetzung“ der Universitäten als dem Kampf aller gegen alle ausgelieferte Zwangskollektive, gewährleistet werden kann. Der universitären Freiheit droht nämlich nicht bloß Gefahr vom Staat, „sondern auch von den Anstalten selbst, die, wie sie beginnen, einen gewissen Geist annehmen und gern das Aufkommen eines andern ersticken“. Als den Subjekten, die ihn konstituieren, fremd gegenübertretende Kontrollmacht ist der Staat nicht nur Gefahr für die sich in „absichtslosem Zusammenwirken“ realisierende universitäre Freiheit, sondern auch Korrektiv gegenüber der den wissenschaftlichen Anstalten gerade wegen ihrer Autonomie notwendig innewohnenden Tendenz zur korporatistischen Abschottung, zu einer den „Geist“ nicht belebenden, sondern „erstickenden“ Konkurrenz.

Partikularismus und Anti-Etatismus

Eine solche „erstickende“ Konkurrenz, welche die Universitäten von staatlichen Reglements „entfesselt“, um sie ohne Planungssicherheit dem Kampf um die aus staatlicher wie privater Quelle sich speisenden Finanzmittel auszusetzen und ihre „Flexibilität“ und „Kreativität“ zu fördern, wird heute unter dem Deckmantel der Liberalisierung gerade durch „Rückzug“ des Staates staatlich verordnet. Die durch die Föderalismusreform und dann durch die von den einzelnen Bundesländern „autonom“ durchgeführten Universitätsreformen gewonnene „Freiheit“ macht aus den Universitäten, gerade indem sie ihnen ihr angeblich einengendes staatlich-administratives Korsett nimmt und sie als Marktsubjekte setzt, erst recht Agenten des Staates, die sich ihre Abhängigkeit als „Autonomie“ zueignen, um sie in Eigenverantwortlichkeit als gegeneinander losgelassene Cliquen zu exekutieren. Deshalb ist der neue universitäre Geist anti-individualistisch und anti-etatistisch zugleich: Weil sie im Kampf um den ohnehin immer kärgeren Anteil am Kuchen, der zur Reproduktion der eigenen Klientel notwendig ist, ein „Profil“, mithin einen höchst individuellen Konformismus ausbilden müssen, dessen „Originalität“ umso preiswürdiger ist, umso ungebrochener er sich als individuelles Abbild unmittelbarer Herrschaft zu erkennen gibt, wird der Staat mit seiner schwerfälligen Bürokratie, welche die „Eigeninitiative“ hemme, ebenso zum Feind wie der Individualforscher, der keine Drittmittel einwirbt, oder der professorale Gelehrte, der auf der Autonomie des Erkenntnisgegenstands gegenüber den Sachzwängen des Lehrbetriebs beharrt. Die von Humboldt avisierte Konkurrenz in Freiheit arbeitender Individualforscher, die einander umso mehr „begeistern“, umso strenger sie sich der sie trennenden Distanzen bewusst sind, wird dadurch ebenso neutralisiert wie der universalistische Anspruch einer Erkenntnis, die ihre Verbindlichkeit dadurch erhält, dass sie, wie Humboldt sagt, „aus dem Innern stammt“, also stets nur vermittelt durch die geistige Erfahrung des Einzelnen sich artikuliert. An die Stelle der anonymen staatlichen Institutionen, welche die Ausbildung zueinander im Widerspruch stehender, im Streit der Disziplinen miteinander kommunizierender „Schulen“ erst ermöglicht haben, tritt die in „Promotionsverträgen“ kodifizierte Protektion durch die Cliquen, die nicht einmal mehr für verschiedene Ideologien stehen, sondern nur noch Agenten des Selbsterhaltungszwangs sind, den sie in ihren Teammitgliedern verewigen, indem sie sie nach außen hin vor ihm schützen.

Angesichts dessen kann es nicht verwundern, dass die gesamte dekonstruktivistisch aufgemöbelte Logik linksautonomer „Herrschaftskritik“, wonach es „kein Außerhalb der Macht“ gebe, Wissen immer auch „Herrschaftswissen“ und jede Erkenntnis zwangsläufig „perspektivisch“ sei, vom kurrenten akademischen Betrieb widerstandslos absorbiert werden kann, dessen Abbild die Kulturwissenschaften sind. Der schlechte Partikularismus, der sich in solcher Hypostasierung der „Perspektiven“ Bahn bricht und jeden Versuch der Vermittlung zwischen Besonderem und Allgemeinem, jedes Festhalten an einem Begriff universaler Wahrheit, die sich im je Individuellen aufsuchen lasse, als repressiv verwirft, ist Ausdruck eines Zustands, der nach Adornos Worten „kein Privileg mehr duldet und doch gänzlich in dessen Bann steht“. Gerade weil es sich die Herrschaft als universale wünscht, erscheint dem neidbeißerischen Bewusstsein jedes Privileg als zu liquidierender Rest: Privilegien erscheinen ungerecht, nicht weil sie partikular sind, sondern weil sie der ersehnten negativen Gleichheit im Weg stehen, in der kein anderer bekommen darf, was man selbst entbehrt. Erst wenn die Herrschaft tatsächlich universal wäre, käme es endlich gar nicht mehr darauf an, welche Disziplin man mit welcher Erkenntnisabsicht betreibt oder welcher „Schule“ man angehört, weil allein die Zugehörigkeit zu ihr, und nicht ihr konkreter Wahrheitsgehalt, für den geistigen Selbsterhalt relevant wäre. Die Sehnsucht nach solch universaler Herrschaft auf dem Gebiet des Geistes ist es, die sich im Pochen auf den „Perspektiven“ Geltung verschafft, das keine Widersprüche kennt, die stets auf unteilbare Wahrheit verweisen, sondern nur noch Unterschiede, die beliebig teilbar sind. In einem solchen Milieu teilbarer Wahrheiten koexistiert eine autoritäre Bürokratie, die im Modulsystem ja nicht verschwindet, sondern erst recht ganz unmittelbar als Überwachungsapparat eingesetzt wird, mit zahllosen dispersen „Clustern“ und Sonderforschungsbereichen, die im Kampf um die Verteilung der Budgets in blinder Anarchie immer zugleich mit- und gegeneinander agieren. Wie der Staat nicht mehr als Ordnungsmacht in den Blick kommt, sondern nur noch wahlweise als Objekt forschungspolitischer Beutemacherei oder als temporär abrufbarer Büttel zur Restitution universitärer Disziplin, so ist den Arbeits- und Forschungsbereichen ihr spezifischer Gegenstand längst äußerlich geworden, bloßes Ticket für die Fortsetzung der Fahrt auf der geisteswissenschaftlichen Geisterbahn. Keiner erwartet sich mehr etwas, keiner streitet mehr für oder gegen etwas, denn alle wollen vor allem eins: dabeibleiben, und loben sich deshalb gegenseitig ob der „Vielfalt“ ihrer „Perspektiven“. Die intellektuelle Ödnis, die derlei Pluralismus mittlerweile hinterlassen hat, zeugt deutlich von der Gewalt, die in ihm weiterlebt.

Kanon und Universalität

Wo die „Vielheit“ und die „Logik der Differenz“ den bestimmten Widerspruch als Ort der Wahrheitserkenntnis und der „Diskurs“ den wissenschaftlichen Streit ersetzt hat, tritt an die Stelle des Kanons, gegen dessen alleinige Vorherrschaft an den Universitäten in den sechziger Jahren mit guten Argumenten protestiert worden ist, nicht etwa die vielberufene „transdiziplinäre“ Freiheit, sondern die Ordnung des Handbuchs, die jede Erkenntnis in positives Wissen transformiert und den Wahrheitsgehalt des curricularen Kanons dadurch ebenso liquidiert wie die Hoffnung auf dessen Überwindung. Ein Kanon im emphatischen Sinn, wie er den protestierenden Studenten der sechziger und siebziger Jahre ja noch unmittelbar präsent gewesen ist, kodifiziert nicht einfach totes Wissen, sondern stellt die nach Maßgabe des bürgerlichen Bildungsbegriffs sedimentierte Tradition als lebendige geistige Erfahrung vor, an der sich jeder abzuarbeiten hat, auch und gerade wenn das Korsett dieses Bildungsbegriffs, der in Deutschland stets nur als Karikatur existiert hat, überschritten werden soll. Noch 1966 hat der wahrlich nicht des Philistertums verdächtige Karl Otto Conrady seiner „Einführung in die Neuere Deutsche Literaturwissenschaft“, deren Neuauflage die Hälfte der kurrenten Handbuchproduktion überflüssig machen würde, einen Kanon zur kritischen Lektüre beigefügt. „Kritik“ indessen, wenn der Begriff denn mehr als eine Phrase sein soll, meint die Fähigkeit zur Unterscheidung und zum Urteil, die abstirbt, sobald die Bereitschaft dazu erlahmt, sich auf Gegenstände der Erkenntnis überhaupt noch einzulassen, statt sich besserwisserisch über sie zu stellen. In der notwendig bornierten Normativität des bürgerlichen Bildungskanons ist wie immer auch entstellt die Adresse nicht nur auf einen universalen Wahrheitsbegriff, sondern auf einen universalen Begriff der Menschheit enthalten, den jede Kritik, die nicht zur Diffamierung verkommen will, anerkennen und zur Verwirklichung drängen muss. Wie im Ideal des Weltbürgertums virtuell die klassenlose Weltgesellschaft angelegt ist, liegt im bürgerlichen Bildungsbegriff, von dem die empirischen Bürger hierzulande nie etwas wissen wollten – in Deutschland hat es, nach Maßgabe seines eigenen Begriffs, im Grunde nie ein Bürgertum gegeben –, ein Verständnis von Bildung beschlossen, dessen Realisierung die Aufhebung der Klasse, in deren Schranken es entstand, immer schon voraussetzt. Das mittlerweile geschwundene Bewusstsein um diesen Zusammenhang ist es, das schon Vertreter der 68er-Bewegung Adorno und Horkheimer als „bürgerlichen Restbestand“ ihres Denkens ankreideten und das heutige Elitejunioren der Kritischen Theorie als Signum ihrer „Unwissenschaftlichkeit“ und ihres Anachronismus attestieren.

In Wahrheit war der „bürgerliche Restbestand“ des Denkens Kritischer Theorie stets ein bürgerlicher Überschuss: die Idiosynkrasie gegenüber jenem Hass auf Bildung und Geist, in dem sich 68er wie Dieter Kunzelmann völlig zurecht mit dem „Volk“, auf das sie sich beriefen, einig glaubten, und ihre „Unwissenschaftlichkeit“ entsprang dem Bewusstsein, dass die „Wissenschaft“ – wie so vieles andere – in einer Welt, in der alle Menschen glücklich wären, vielleicht gar nicht mehr nötig wäre, oder zumindest eine völlig andere Bestimmung erhielte. Eben dieser Erfahrungsgehalt Kritischer Theorie verdankt sich aber selbst dem emphatischen, und daher kritischen, Rekurs auf jene Tradition, welche die leninistsischen, maoistischen oder sonstwie volksaufständischen Kämpfer im Namen des „guten“, lediglich zu organisierenden Pöbels schon in den sechziger Jahren mit postpubertärer Brutalität für alle Zeit ersticken wollten. Spätestens nachdem Kunzelmann in einem an Perfidie und antisemitischem Ressentiment schwerlich zu überbietenden Flugblatt „Professor Adorno“ angesichts seines Vorhabens, auf dem Höhepunkt der Studentenrevolte einen Vortrag über Goethes „Iphigenie“ zu halten, als anachronistischen „Bildungsbürger“ dem Amoklauf des nicht nur studentischen Mobs überantwortet hatte, hätte jedem nicht ganz abgestumpften Zeitgenossen klar sein müssen, welcher Ungeist diesen „Aufbruch“ beseelte. Es ist derselbe Ungeist, auf den sich Leute wie Peter Sloterdijk, dem ausgerechnet das dummfeministische „Busenattentat“ auf Adorno nicht als faschistische Hetze, sondern als Geburtsstunde der Kritik erscheint, oder Norbert Bolz, der Harald Schmidt als wahrhaftigen Adorno feiert, inzwischen mit jener Dreistigkeit berufen, die sich allein dem Wissen um die Einigkeit mit der Mehrheit verdankt. Noch die Popularität des in sich „linksradikal“ apostrophierenden Zirkeln begeistert herumgereichten Dietmar Dath dürfte sich der Tatsache verdanken, dass dieser sich selbst als „Leninist“ bezeichnet, zugleich aber auch jene wohlorientierte Bildungsentsorgung betreibt, die sich Postmoderne nennt und keinen Kanon, sondern nur „Archive“, keine Werturteile, sondern nur „situierte Sprechorte“ kennt. Fast schon ist es bedauerlich, dass deren Protagonisten, anders als manch alte Leninisten, nicht einmal ungebildet sind, sondern im Gegenteil derart viel wissen, dass sie mit ihrer Bildung nichts anderes anfangen können, als ein endloses Recycling zu betreiben. Obwohl sie sich nicht mehr in Imitation kleinbürgerlicher Patzigkeit gegen den Geist, der nicht satt mache, ergehen, sind sie sich mit den linken Volkstribunen einig in der Verachtung des Ballastes, der Bildung heißt und gegen dessen normativen Anspruch man sich wehrt wie das Baby gegen den Strampelanzug. Deshalb ist es kein Widerspruch, sondern konsequent, dass ein „Leninist“ gleichzeitig bei der „Zeitung für Deutschland“ angestellt sein, in der „Phase 2“ publizieren und Bücher über „Buffy“ schreiben kann, ohne dass irgendjemand ihn höflich darauf hinweist, dass er sich zum Narren macht. Deshalb auch ist es Zeichen von Konsequenz, und nicht von Opportunismus, dass es ehemalige Protagonisten der 68er-Bewegung sind, die sich heute mit dem gleichen Eifer an die „Entfesselung“ der Uni machen, mit dem sie einst deren Besetzung betrieben haben. Endlich können sie mit gutem Gewissen und der Mehrheit im Rücken zu Ende bringen, was sie damals mit schlechtem Gewissen und gegen die Mehrheit durchsetzen wollten: mit dem ideologischen Unrat des bildungsbürgerlichen Humanismus, von dem es zweifellos noch immer reichlich gibt, gleich auch diesen Humanismus selbst zu entsorgen. Deshalb schließlich ist es konsequent und muss in Kauf genommen werden, wenn die wenigen, denen es ernst ist um den Begriff der Universität und dessen Wahrheitsgehalt, sich als „Konservative“ titulieren lassen müssen, ist doch jede Kritik, die sich nicht selbst verraten will, zumindest in dem einen Sinn notwendig konservativ, dass sie sich an Gegenständen entzündet, an denen das denkende Subjekt sich einmal selbst entzündet, für die es sich begeistert oder über die es sich erzürnt hat und deren Erfahrung es treu bleiben will. In diesem Sinne ist die Universitätskritik der Kritischen Theorie der Universität treu geblieben, weil sie negativ festhält, was in Erinnerung zu bringen heute schon als Verrat am universitären Betrieb gilt: das Glück der Erkenntnis und damit den Begriff des Glücks selbst.

Magnus Klaue

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27.08.2009
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