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kulturreport, 1.7k

A Million Different Loves!?

Queer Filmfestival und Konferenz 25.-29.10.06 in Leipzig

Vom 25. –29.10.06 fand in Leipzig das A Million Different Loves. Queer Filmfestival und Konferenz statt. Der folgende Zeugenbericht bezieht sich nur auf einen winzigen Ausschnitt des Festivals, was nicht zu letzt daran lag, dass es zu viele Tatorte gab, an denen etwas geschah. Das Hauptprogramm umfasste die Konferenz in der HGB und das Filmfestival, womit das Wochenende voll ausgeschöpft war. Daneben gab es noch die Ausstellung Schein Sein. Soziale Dimension des Glamour in der aktuellen Kunst. Und einen Workshop porYesqueerPORno. Ein bisschen viel Auswahl für mein eindimensionales Gehirn, besonders wenn man noch unter einer Verakademisierungsphobie (auch wenn es dieses Wort nicht gibt, so ist es jetzt erfunden!) leidet.
Um meine theoretisches Basiswissen in der queer theory zu erleuchten, dachte ich, kann mir der Eröffnungsvortrag im UT-Connewitz von Antke Engel „Wider die Eindeutigkeit. Sexualität und Geschlecht im Fokus queerer Politik der Repräsentation“ hilfreich sein. Doch formte sich nach zehn Minuten gelesenem Vortrag mein Gesicht zu genau jenem Zeichen, welches noch nicht genormt, aber ich als AusrufezeichenFragezeichen benennen Barbie, 18.9k will. Ich blickte aber auch in ungefähr 60 weitere ungenormte !?.
Worum es im Vortrag ging? Um „Wider die Eindeutigkeit“ Darunter hätte ich mir was vorstellen können, aber durch die pausenlose Aneinanderreihung von Wörtern aus dem meist akademischen oder theoretischen Bereich, war es schwer herauszufinden worum es im Vortrag eigentlich genau ging. Und was die Politik der Repräsentation nun eigentlich ist. Nicht nur die lesende Vortragsweise machte ein begleitendes Hören und Verstehen schwierig, auch der Bezug auf Ausschnitte aus Theorien von Silverman oder Theresa De Lauretis erforderte vorhandenes Spezialwissen. Und so wurde aus dem Vortrag ein Monolog zum Selbstzweck.
Der erste Teil des Vortrages der „höchst abstrakt“ (O-Ton Engel) war, sollte den Hintergrund bilden für die anschließenden Filme, insbesondere „Paris is Burning“ von Jane Livingston. Doch auch der Versuch, die Brücke zwischen Veruneindeutigungstheorie und queerer Filmtheorie zu schlagen, bröckelte mit jedem Wort mehr. Spätestens bei der Aneinanderreihung von mehr als fünf Adjektiven in einem Satz war der Gedankensalat perfekt. Was blieb, waren Schlagworte wie Repräsentationsstrategien, Dekonstruktion von Heteronormativität, Normalitätsregime, Veruneindeutigung oder Subjektkonstitution. Ich glaube, der Sinn des Vortrages war zu zeigen, wie Repräsentationsstrategien (besonders im Film) die Dekonstruktion von Heteronormativität erzeugen können und damit, entgegen dem Drang nach (sexueller) Identität, zu Veruneindeutigungen führen. Nun gut, ich bin nicht umhin gekommen, mich eher von den architektonischen Vorzügen des UT's ablenken zu lassen, statt zu verstehen. Mhh...Anschauung...
Auch ein Vortrag in der HGB am Freitag Nachmittag mit dem simplen Namen „Die Zwanghafteste der Zwangsheterosexualität und die Bezwingerin heteronormativer Gender-Identität: Die Prostituierte im Film“ ließ mich eher im Dunkeln zurück. Zwar hatte ich in meiner geisteswissenschaftlichen Karriere schon von dem im Vortrag erwähnten und Platons Kopf entsprungenen lustigen Menschengeschöpfen gehört, die an ihrem Rücken zusammengewachsen, sich mit vier Armen und vier Beinen und zwei Gesichtern radschlagend fortbewegen. Aber ich würde doch behaupten, wäre ich nicht mit dem universitären Leben in irgendeiner Form in Berührung gekommen, hätte sich !? in einen Wulst verknotet. Fragen zum Vortrag zu stellen, wäre wahrscheinlich in einer dreistündigen Begriffserklärungskette geendet. Also stopfte ich mir lieber alle bereitgestellten Äpfel und Waffeln hinter die Kiemen und dachte an eine Wassermatrazenschlacht bei 30 Grad auf Chalkidike. Und daran ob es nicht beim Auseinanderschneiden der platonischen Geschöpfe ein riesiges Blutbad gäbe.
Nun gut, zur Entspannung gab's dann noch was aufs Auge: Homo Father. Ein 100 Euro Film (davon das meiste für Zigaretten und Essen), der in sechs Tagen vom, auch anwesenden Regisseur, Piotr Matwiejczyk gedreht wurde. Dieser beantwortete auch die mal interessanteren Fragen: Dass der Film in Polen und Ostdeutschland weitestgehend verboten ist, (in Polen seit der Regierung von Kaczynski), aber auf dem Filmfestival in Lodz gezeigt wurde und in der queer-Szene gut angekommen ist, obwohl man Angst vor einer negativen Darstellung der Homosexuellen hatte. Auch ist es der erste Film über homosexuelle Eltern in Polen. Und ein sehr amüsanter. Warum? Wird der Regisseur gefragt. Die komödiantische Form ist der Öffentlichkeit noch am ehesten zugänglich bei solchem „hard stuff“, antwortet Piotr. Der Abend neigte sich dem Ende und damit auch meine Berührungspunkte mit dem Festival, aber noch mal kurz:
Die Intention der OrganisatorInnen „kritischen Wind in die ansonsten von Sexualität und Popkultur eher unbeleckten Leipziger Geistes- und Kulturwissenschaften“ zu bringen hat mit dem Eröffnungsvortrag und dem von Hedwig Wagner vielleicht diejenigen geistig angeregt, die sich bereits genauer mit dem Vortragssujet befasst haben und auch noch der Fremdwörtelei mächtig waren. Dass die Situationen in Polen und Deutschland und der Kampf gegen Homo- und Transphobie nicht die einzigen Themen des Festivals waren, zeigte sich bei dem Eröffnungsvortrag. Aber wäre es nicht zur Eröffnung passender gewesen, das Leipziger queer Festival in seiner Intention näher zu erklären und damit vielen Leuten zugänglicher zu machen? Konkreten Bezug auf die aktuellen Verhältnisse in Polen und Deutschland zu nehmen, statt sofort mit einem hochtheoretischen Vortrag über die queer theory und film theory zu starten? Dies blieb kryptisch erwähnt oder nur auf der Website einsehbar. Die kommunikative Rolle eines Festivals vielleicht nur durch die Abschlussparty vermittelt. Auf der sich die Frage nach amilliondifferentloves!? vielleicht doch in kein !? verknotet hätte, wäre ich anwesend gewesen und hätte bei den Vorträgen besser zugehört. Verdammt!?

Thisisalovesong

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last modified: 28.3.2007