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Krisentheorie ohne Theorie?

Eine Antwort auf Mausebär und eine Richtigstellung.

Von Roman

Richtigstellung

Aufgrund eines redaktionellen Eingriffes in der Tomorrow-Rubrik der letzten Ausgabe (#119) in der Passage „Wird diese Fundamentalkrise nicht ökonomistisch beschrieben oder gar mit irgendeinem Zusammenbruchsautomatismus in Verbindung gebracht, sondern gekennzeichnet als permanente Verschlechterung der Lebenssituation aller Gesellschaftsmitglieder bis hin zu deren direkter physischer Vernichtung, dann kann daraus durchaus so etwas wie relevanter Widerstand erwachsen.“ wurde „direkter physischer Vernichtung“ ohne Absprache mit dem Autoren Mausebär durch „physischem Ableben“ ersetzt. Zudem stammt die Vorbemerkung zu ebenjenem Text nicht wie suggeriert von der Redaktion, sondern von einem einzelnen Redaktionsmitglied. Die Redaktion bittet Mausebär und die LeserInnen um Entschuldigung. Die Redaktion
Die letzte Ausgabe dieses Heftes enthielt die schriftliche Version eines Vortrages, der von Mausebär im Tomorrow-Theoriecafé gehalten wurde. Die Redaktion des Newsflyers hatte sich dazu entschieden, den Text abzudrucken. Ein vorangestellter einleitender Text wurde ohne Einverständnis des Autors und ohne Rücksprache mit der Redaktion in die Druckversion aufgenommen. Des weiteren wurde eine Passage des Originaltextes ebenfalls ohne Rücksprache mit Autor und Redaktion durch den Korrekturleser, d.h. in diesem Fall durch mich, abgeändert.(1) Um diese Passage, die auch in der abgeänderten Form weit hinter das zurückfällt, was man vom Autor bisher erwarten konnte, soll es nachfolgend gehen. Bevor die Passage hier nochmals in ihrer ursprünglichen Fassung zitiert wird, sei darauf hingewiesen, dass der Autor ausdrücklich auf dem Originaltext beharrte und ebenso ausdrücklich die von mir abgemilderte Variante der Druckversion ablehnte. Um den Kontext zu erhellen, zitiere ich ein paar Sätze mehr.

Mausebär (unter der Zwischenüberschrift „Wo ist der Platz des Kritikers?“): „Erster Schritt zur Lösung wäre, ein paar UNNÖTIGE Schwierigkeiten auszuräumen und die Frage zu stellen und zu beantworten: Was ist der Lackmustest für das Emanzipatorische an einer sozialen Bewegung? Kritiker von Wert und Abspaltung antworten: die Ablehnung der Arbeit. Ebenso auf der Hand liegt damit die Einschätzung, dass die Montagsdemonstranten per se eben keine emanzipatorische soziale Bewegung verkörpern, weil dort die fundamentale Arbeitskritik eine Minderheitsposition inne hatte.
Konsequente Arbeitskritik hätte aber anknüpfen können an der einhelligen Ablehnung (und wer anderes sagt, lügt!) von Zwangsarbeit. Vor dem Hintergrund der Fundamentalkrise des Kapitals, die alle Demonstrierenden mindestens durch die permanent steigenden Arbeitslosenzahlen mitbekommen, hätte eine solche Strategie durchaus Erfolg haben können. Wird diese Fundamentalkrise nicht ökonomistisch beschrieben oder gar mit irgendeinem Zusammenbruchsautomatismus in Verbindung gebracht, sondern gekennzeichnet als permanente Verschlechterung der Lebenssituation aller Gesellschaftsmitglieder bis hin zu deren direkter physischer Vernichtung,(2) dann kann daraus durchaus so etwas wie relevanter Widerstand erwachsen.
Bei wem sonst, wenn nicht bei Demonstranten, die eine menschenwürdige Wohnung und ein halbwegs erträgliches Auskommen wichtig finden, könnte man darauf pochen, dass ein System, das einen selbst für reproduktionsunwürdig erklärt, weg muss?! Wer die Nivellierung auf Elendsniveau nicht hinnehmen will, erachtet sein eigenes Wohlergehen für wichtiger, als den Standort – der Aufruhr gegen die rot/grüne Verelendungspolitik wird somit antifaschistische Tat.

Worum geht es Mausebär in diesem Abschnitt? Er möchte ausloten, wem gegenüber und vor allem wie sich der „Kritiker von Wert und Abspaltung“ in Zeiten von Hartz IV zu verhalten hat. Es geht um „das Emanzipatorische an einer sozialen Bewegung“, auch wenn „die Montagsdemonstranten per se eben keine emanzipatorische soziale Bewegung verkörpern“. Um dabei aber dennoch zu einem Ergebnis zu kommen oder besser gesagt in Sachen „Emanzipation light“ fündig zu werden, müssen zuvor „ein paar UNNÖTIGE Schwierigkeiten“ aus dem Weg geräumt werden, wie betont wird. Worum es sich bei diesen Unnötigkeiten handelt, sagt Mausebär ziemlich deutlich und man ist überrascht, denn der „Kritiker von Wert und Abspaltung“ zieht sich den Boden unter den eigenen Füßen weg – nämlich die „fundamentale Arbeitskritik“, die auf Montagsdemonstrationen „eine Minderheitsposition inne hatte“. Stattdessen gilt es anzuschließen an die „Ablehnung von Zwangsarbeit“ (gemeint sind die staatlich organisierten Beschäftigungsmaßnahmen unter Hartz IV), die – so klingt es bei Mausebär – auf Montagsdemonstrationen gegen Hartz IV zuhauf vernehmbar war. Die Arbeitsgeilheit der Deutschen, auf der Linke, Antideutsche und Wert- und Abspaltungskritiker immer rumhacken, hätte sich damit wohl erledigt, denkt man, wenn Mausebär eine „einhellige Ablehnung von Zwangsarbeit“ konstatiert. Die Realität sieht anders aus, und dass man das dem Arbeitskritiker Mausebär erzählen muss, ist eine traurige Angelegenheit. Nicht nur im strukturarmen Osten opfert man sich für jede noch so dämliche Arbeit auf. Man reißt sich um die sogenannten „1 Euro Jobs“, die Wartelisten auf den Arbeitsämtern sind voll und nur wenige der nach wie vor nach Arbeit lechzenden Deutschen bekommen die Gelegenheit, ihre Staatsloyalität auch unter Beweis zu stellen. Man mag einwenden, dies geschehe nur aufgrund der miserablen Geldsituation der Hartz IV-Existenzen – und an dem Argument mag sicher etwas dran sein –, nur: eine „einhellige Ablehnung“ von Arbeit im allgemeinen und „Zwangsarbeit“ im besonderen ist deswegen noch lange nicht in Sicht.

Und Mausebär träumt weiter: von „relevantem Widerstand“ und der Erkenntnis, dass das System „weg muss?!“. Nun ist der Marxismus-Leninismus mit seinen praktisch-theoretischen Implikationen keine weit verbreitete Handlungsoption unter den Hartz IV-Verlierern und man kann sich ausmalen, was diese selbst unter „relevantem Widerstand“ verstehen. Dass es diesen um den Standort Deutschland weniger geht, möchte man nur ungern unterschreiben, aber daraus auch noch ableiten, dass ein „Aufruhr gegen die rot/grüne Verelendungspolitik“ unter den genannten Voraussetzungen zur „antifaschistischen Tat“ wird, ist barer Unsinn. Das Argument von Mausebär geht so: aus dem Verzicht auf den Standortbezug, entspringt notwendig antifaschistische Praxis. Mausebär empfiehlt mit hübscher Regelmäßigkeit Nachsitzen in Logik. Ihm wäre seinerseits eine Auffrischung der sogenannten logischen Folgebeziehung und der diversen Schlussschemata zu wünschen. Nur so viel: Es gibt genug Gründe, um auf den Standort zu scheißen – z.B. das „eigene Wohlergehen“, das auch in der nicht gerade antifaschistischen Ideologie des „surviving of the fittest“ eine Rolle spielt. Aus dem Verzicht auf die Standortargumentation und dem Rekurs auf’s eigene Interesse wird nicht notwendig eine „antifaschistische Tat“.

Migration, 120 x 100 cm, Ölgemälde, 20.7k
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Vollkommen falsch ist Mausebärs Charakterisierung des Kapitals, das in der Krise zur „direkten physischen Vernichtung“ der „Gesellschaftsmitglieder“ führe. Tatsächlich schwebt mir ein Beispiel vor, das zur „direkten physischen Vernichtung“ von Menschen führte und das durch den Namen Auschwitz bekannt ist. Dort wurde tatsächlich „direkt physisch vernichtet“, nämlich vornehmlich Juden durch die Nationalsozialisten. Mausebär meint aber etwas anderes, er meint das Kapitalverhältnis, das „direkt physisch vernichtet“. Aber nur Menschen vernichten Menschen, und zwar dann, wenn direkt über eines anderen Körper verfügt werden kann. Der Herr verfügt über den Knecht, der Patrizier über den Sklaven oder der Stärkere über den Schwachen im rechtslosen Zustand. Die bürgerliche Gesellschaft hingegen hat solchen Knechtschaftsverhältnissen durch die Installation von Rechtsformen ein Ende gemacht. Findet dennoch „direkte physische Vernichtung“ statt, wie im Mord oder im Selbstmordattentat, dann haben sich immer Menschen über die Herrschaftsform des Rechts, in der allein der Staat als abstraktes Gebilde über die leiblichen Menschen verfügen darf, hinweggesetzt. Vernichtet wurde dann gerade durch die bewusste Außerkraftsetzung der Rechtsordnung im Privaten, durch unmittelbare und tödliche Gewaltausübung.
Würde Mausebär weiterdenken und die Rolle von Staat und Volk in der Krise reflektieren, käme er tatsächlich zur Gefahr „direkter physischer Vernichtung“, die im Nationalsozialismus durchbrach und die heute noch in Ideologien wie dem Antisemitismus enthalten ist. Was sich in der Krise Bahn bricht und zur Vernichtung aufruft, ist der rassistische und antisemitische Wahn reflexionsloser Volksmassen und nicht das Kapitalverhältnis – die „Abstraktion in actu“ (Marx). Diese wirkt zwar in den Köpfen, aber nicht überall auf die gleiche Weise. – Genau das ist der Ansatzpunkt von Ideologiekritik, die zugleich dem Basis-Überbau-Marxismus Bankrott bescheinigt. Das führt letzten Endes auch auf folgende Fragen: Was ist deutsch? Und: Was blüht dem deutschen Hartz-IV-Empfänger? Im Falle von Hartz IV von „direkter physischer Vernichtung“ zu sprechen, ist einfach nur absurd. Es suggeriert, die Betroffenen würden demnächst zur Schlachtbank geführt und müssten deshalb Widerstand leisten. Direkt vorm Verhungern stehen die arbeitslosen Massen auch nicht, was nicht heißen soll auf Widerstand zu verzichten. Wenn man aber – wie Mausebär – den gegenwärtigen Zustand als „Fundamentalkrise“ bezeichnet, sollte man doch zumindest deren Bedingungen klar benennen, sofern es denn darum geht ein Hauen und Stechen im Mob der Arbeitslosen zu vermeiden. Warum „relevanter Widerstand“ auf fundamentale Kritik verzichten sollte, will mir zumindest nicht einleuchten. Oder glaubt Mausebär gar an eine deutsche Revolution ohne Rassismus und Antisemitismus?

Fußnoten

(1) Siehe die Richtigstellung der Redaktion am Seitenanfang.
(2) Anstelle von „direkter physischer Vernichtung“ stand in der geänderten Druckversion „physischem Ableben“.

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last modified: 28.3.2007