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Preaching to the converted.


Kool Savas den einen gilt er als der vulgäre, sexistische und schwulenfeindliche Begründer der Battlerapszene in Deutschland, den anderen als bester deutschsprachiger Rapper. Am 24.07.2004 sollte Kool Savas im Conne Island auftreten. Was lange als undenkbar galt, schien dennoch eingetreten. Doch wieso fand das Konzert dann doch nicht statt?
Anmerkungen dazu von Marvin


Pimplegioneah Savas

Es galt in der Diskussion um einen Auftritt von Kool Savas vor allem zwei Seiten gegeneinander abzuwägen. Auf der einen Seite stünde demnach die auch von mir geteilte Einschätzung, dass Kool Savas in der Vergangenheit vor allem wegen seiner aggressiv und vulgär daherkommenden, vor Schwulenfeindlichkeit (Homophobie) und Sexismus strotzenden Texte so bekannt wurde. Eingehüllt in vermeintliche realness wurde er zum Abbild der deutsch-türkischen Straße stilisiert und fand Zuhörer vor allem unter denen, die gern derbe Gangster und echte Männer wären, gerade in der Pubertät, oder auf der Suche nach einer geklärten sexuellen Identität waren. Glaubt man den Stimmen, die über ihn berichten, so hat Savas realness und Fame für sich gebucht. Als Produkt seiner Umgebung im Kiez habe er sich dem Niveau der Strasse angepasst, so lässt seine Promoabteilung verlauten. Dabei passt das Klischee des Underdog gar nicht zu Kool Savas. In der Schule eher mit dem Vorwurf des Strebens konfrontiert, wurde ihm die Rolle des rebellierenden Ghettokid nicht von Hause aus auf den Leib geschrieben. In Interviews scheint eher ein respektvolles Verhältnis zu seiner Familie und der Traum von einem geregelten Normaloleben durch. Worin die Gründe für den Erfolg seiner brutalen, fäkal- und genitalfixierten Texte liegen, mag ich an dieser Stelle nicht zu vermuten. Ob damit tatsächlich ein Reflex auf die in unserer Gesellschaft immer undeutlicher werdenden Geschlechterrollen bedient wird, sollte an andere Stelle tiefgründiger diskutiert werden. Für mich würde sich an dem Punkt vor allem die Frage nach dem Verhältnis von gesellschaftlicher Konditionierung und individueller Verantwortung für sexistische und homophobe Verbalattacken stellen. Diese reinweg als reflexhaftes Festhalten an verlorengeglaubter Männlichkeit zu beschreiben, so wie Martin K. in seinem Leserbrief es tut, entlässt jeden und jede Einzelne aus der individuellen Verantwortung für sein oder ihr Tun. Gerade diese individuelle Verantwortung jedoch deutlich zu machen hielte ich für den richtigen Weg, mit Savas umzugehen.
Kool Savas gilt als einer der Gründungsväter des deutschen Battleraps, der seine Durchschlagskraft aus der vermeintlich tabubrecherischen Andeutung sexualisierter Gewalt sowie aus seinem vordergründigen homophoben und sexistischen Gestus bezieht. Orientiert an amerikanischen Vorbildern wurden Texte einfach übersetzt und Styles und Skills übernommen. Hartnäckig hält sich dabei die Geschichte, dass dies für Savas der erfolgversprechendste Weg zum Erfolg gewesen wäre. Doch Kool Savas ein instrumentelles Verhältnis zu seinen sexistischen und homophoben Ausfällen zu unterstellen – á la der Türke, der aus dem Ghetto entfliehen wollte, bricht alle Tabus, um dann endlich das zu machen, was er eigentlich schon immer wollte, gute Musik – ist meines Erachtens nach eine falsche argumentative Krücke, die den sexistischen Gehalt seiner Texte verharmlost.
Häufig wird Savas denn auch in einer Art Sprecherrolle gesehen, die die Sprache der Straße aufnimmt und parodiert. „Uneigentliches Sprechen“ als künstlerisches Konzept. Doch welchen Sinn hätte dieses Konzept, fragt da nur folgerichtig Jörg Sundermeier(1). Sinn hätte es nur dann, wenn es auch als Ironie verstanden würde und nicht gesellschaftliche Realitäten wie Rollenklischees, Sexismus und Homophobie noch zumindest verbal überhöhen würde. Wenn also jemand als schwul oder als Bitch bezeichnet wird, dann ist das durchaus ernsthaft als Diss gemeint.

Haus und Boot

Auf der anderen Seite steht die faktische Abkehr von vordergründig homophoben und sexistischen Passagen in aktuellen Textzeilen. Diese hat ihm das Gedisse ehemaliger Rapkumpels und sicher auch so mancher Schulhöfe eingebracht, die Savas nun für nicht mehr derbe genug halten. Längst haben Sido und Co Savas den Rang abgelaufen. Es ist sicher richtig, dass Kool Savas bis heute nicht wirklich etwas mit Begriffen wie Homophobie und Sexismus anfangen kann, selbst wenn Savas sich „in Interviews schon lange vom Sexismus distanziert“(taz) hat. Dem entsprechend naiv wirken dann auch seine Bekundungen gegen Sexismus á la „Meine Freundin produziert die Beats, auf die ich rap“, oder „Ich kann doch gar kein Sexist sein, ich arbeite doch mit ’ner Frau zusammen“, oder „Ich würde nie wollen, dass sich jemand aufgrund meiner Lyrics respektlos gegenüber seiner Freundin verhält, weißte, Alter“. Gleichermaßen naiv wirken Savas Äußerungen auf die Frage, ob er es nicht problematisch fände, schwul als Schimpfwort weiter zu festigen: „Man (er und sein Umfeld d.A.) kann damit gar nichts Negatives verbinden, weil man es gar nicht kennt. […] Das als Schimpfwort zu verwenden, das ist doch nicht so was ganz Schlimmes“. Und so beschimpfte er erst kürzlich die Leute, die ihn während eines Auftrittes mit Bierbechern bewarfen, als Nazis und eben Schwule.
Und so besteht die berechtigte Frage, ob die Veränderung seiner Texte nun ernst zu nehmen ist oder nicht und ob diese Wandlung ausreichend ist, Kool Savas eine Bühne im Conne Island zu bieten. In Interviews unterstreicht Savas die Entschärfung seiner Texte mit Aussagen wie: „Es war halt ein Problem für mich, als mich alle wegen ‚LMS’ und ‚Pimplegionär’ auf den Porno-Rapper reduzierten. Meine Qualitäten als Emcee werden so nicht genug gewürdigt und gehen in dieser Porno-Geschichte etwas verloren. Das wurde dann an dem Punkt zu viel, als die Leute mich kritisierten, wenn ich mal über andere Dinge rappte. Dabei hatte ich einfach keinen Bock mehr auf Sex-Texte“(2), oder „Ich hatte einfach keine Lust mehr, ständig über Geschlechtsverkehr zu rappen. Ich hab’ gesehen, wie die Kids darauf reagieren und vielleicht fühle ich mich heute ein bisschen verantwortlicher als früher“(3). Als jemand, der seine Rap-Dasein in erster Linie darauf aufgebaut hat, immer gegen alle zu fronten und jegliche eigene Schwächen mit derben Sprüchen zu überdecken, bricht er dabei nicht mit seiner Vergangenheit. Vielmehr fährt er die altbewährte „Das ist eine absolute Jugendsünde von mir. Sagen wir mal so: Ich war jung und brauchte das Geld“(4)-Schiene. Alles eine Folge der angestrebten Kommerzialisierung und damit nicht ernst zu nehmen? Nicht ganz: schaut oder besser hört man sich die Sachen an, die er seit seiner Trennung von seiner alten Crew M.O.R. (Masters of Rap) und seinem alten Label veröffentlicht hat, so hat sich Kool Savas in dem, worüber er rappt, gewandelt und bringt nicht etwa die chartstaugliche Lightversion früherer Verfehlungen. Mit „Der beste Tag meines Lebens“ macht er eher ein Wendung um 180 Grad und liefert einen Lobgesang auf echte Freundschaft, auf die Familie und aufs Vegetarier-Sein. Nun ja...
Ohne Frage wäre es das Beste, wenn sich Savas vom homophoben und sexistischen Charakter seiner Lyrics mit einem klaren Statement verabschieden würde. Ist dies jedoch die absolute Voraussetzung für einen Auftritt im Conne Island? Wünschenswert wäre es, doch ginge dies an den Realitäten vorbei, denen sich auch das Conne Island stellen muss. Denn meines Erachtens nach würde damit ein Maßstab etabliert, der leider von den wenigsten HipHop-Acts tatsächlich eingehalten werden würde. Vor dem Hintergrund, dass HipHop gerade im Bezug auf Sexismus und Homophobie eine der regressivsten Subkulturen ist, ist es meines meiner Auffassung nach richtig, Kool Savas in seiner Wandlung ernst zu nehmen, ihn darauf festzulegen und diese auch als Bedingung für einen Auftritt im Conne Island anzusehen. Denn wenn es darum geht, neben dem Kulturbetrieb im Conne Island eben auch diverse Standards in den einzelnen Szenen präsent zu halten, dann ist es ein richtiger Schritt, die Kool Savas-Crowd mit Sensibilisierung zu nerven. Und diese ist angesichts der Verfasstheit der HipHop-Szene dringender nötig denn je und meines Erachtens nach erfolgversprechender, als sich unter Gleichgesinnten die korrekte Meinung zu bestätigen. In diesem Punkt treffen sich dann auch eine Veranstaltung zu kritischer Popkultur(5) und die tatsächliche Programmgestaltung des Conne Island.
Dass Zeitdruck und mangelnde Transparenz schlechte Voraussetzungen für die Problematisierung benannter Punkte zum Savas-Auftritt sind, darin gebe ich Martin K. recht, und darin liegt auch der Grund der Absage des Konzertes, denn auch intern konnte sich nicht wirklich auf einen Umgang mit Kool Savas geeinigt werden.
Nun wäre es Augenwischerei, den sozialarbeiterisch anmutenden Hang zur Sensibilisierung als die einzige Begründung für einen Auftritt Savas im Conne Island anzuführen. Und auch wenn es Martin K. in seinem Leserbrief für eine nebulöse Begründung hält, so ist es dennoch für den Kulturbetrieb im Conne Island eine Notwendigkeit, kulturelle Trends zu bedienen. Und demnach ist es auch wichtigstes Kriterium bei der Entscheidung, ob einen Konzert veranstaltet wird oder nicht, welcher kulturelle Stellenwert einem Künstler, einer Künstlerin oder einer Band zugesprochen wird. Dabei orientiert sich die Bedeutsamkeit nicht ausschließlich an der Zahl der verkauften Platten. Nun mögen manche anderer Ansicht sein, doch Kool Savas ist einer der besten deutschsprachigen Rapper. Um nicht in beliebiges Popkulturgeplapper abzugleiten, spare ich mir jetzt die Ausführungen über Flow, Styles und Skills von Kool Savas und wann er mit wem welchen Track produziert hat.
Trotz aller Kritik an den Mythen, die sich um die politische und gesellschaftkritische Reichweite kultureller Produkte ranken, sind im Conne Island Konzerte in einen subkulturellen Kontext eingebettet – dabei macht sich das Conne Island den jeweiligen kulturellen Maßstab der einzelnen Szenen zu eigen. Und diesem folgend muss Kool Savas als Rapper zunächst ernst genommen werden. Dem linken Anspruch des Ladens folgend wird das Kulturelle dann durch das Politische bestimmt, wenn es offensichtlich scheint, dass Künstlerinnen oder Künstler den selbstgesteckten inhaltlichen Minimalkonsens des Ladens auf grobe Weise übertreten.
Unter diesen Vorzeichen sollte ein Auftritt von Kool Savas diskutiert werden. Da in diesem Zusammenhang auch besagter Minimalkonsens neu verhandelt wird, bekommt die Auseinandersetzung auch eine perspektivische Bedeutung für alle weiteren HipHop-Konzerte im Conne Island. Es wäre richtig gewesen, Kool Savas eher an seinem veränderten Gestus und seinen neuen Texten als an seiner Vergangenheit zu messen und ihn dafür in die Pflicht zu nehmen. Dies hätte mehr dazu beigetragen, Sexismus und Homophobie im HipHop zu problematisieren als eine Absage. Denn anders als es in Punkto Antifaschismus noch möglich war, gegenkulturelle Konzepte zu featuren und damit Nazis kulturell das Wasser abzugraben, ist dies in Punkto Sexismus ungleich schwieriger. Widersprüche aus dem Conne Island auszuklammern ist dabei in meinen Augen nicht vielversprechend.
Ob Kool Savas dafür geeignet ist, diese auch für große Teile des Publikums sichtbar zu machen, werden wir wohl vor der nächsten Tour entscheiden müssen.

Fußnoten

(1) Jungle World
(2) Kool Savas im Interview auf www.laut.de
(3) Kool Savas im Interview auf www.mund.at/archiv/januar/aussendung310101.htm
(4) Kool Savas im Interview auf HipHop.de
(5) etwa die Veranstaltung zu Popkultur und Geschlechterrollen im Mai 2003 im Conne Island oder How to exit from Guyville?

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last modified: 28.3.2007