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review corner Buch, 1.8k

Beware! Lefts in London.


Buchcover, 13.4k
Anti-Imperialism.
A Guide for the Movement
Bookmarks, London und Sydney 2003; 10 (Wucher)
    „Remember this – we be many and they be few. They need us more then we need them. Another world is not only possible, she is on her way. On a quiet day I can hear her breathing.“ Arundhati Roy

Von kaum einer empirischen Kenntnis über die dortige Linke getrübt, macht man sich auf die Reise ins schöne London. Als in kosmopolitischer Luft sonst nicht gerade badender Ossi ist man begeistert von all den schicken Leuten, die da so über die Straßen rasen, reimt sich etwas von Kapitalismus in Reinform zusammen, der zwar die Leute verrückt macht, aber sie wenigstens mit einem gewissen Schick in den frühzeitigen Herztod schickt, verfällt – so man denn das Geld hat – in diverse Kaufräusche, fragt sich, was Drum’n’
Bass in so einem Kuhdorf wie Leipzig zu suchen hat, und ähnliches mehr. Man denkt sich, dies sei die große weite Welt, wenn auch im Bewusstsein davon, dass diese natürlich ganz anders aussieht. Und dann begegnet man ihr: der Linken.(1)
Direkt im Herzen des alten Empire, auf dem Parliament Square vis a vis zu Big Ben, liegen einige zottelige Gestalten in ihren selbstgenähten Schlafsäcken,(2) daneben sind eine Reihe von Transparenten aufgestellt, die schon sichtlich unter der – übrigens in den letzen Jahren viel gesünder gewordenen – Londoner Luft gelitten haben. Auch einige selbstgemalte Pappschilder stehen trotzig gegen die Unbilden des Wetters an und verkünden, was den KameradInnen in ihren Schlafsäcken in sichtlich instruktiven meditativen Sitzungen so eingefallen ist, oder vielleicht auch: was in sie eingefallen ist. Solcherart Invasion willig sich hingebend, kotzt sich denn auch einiges wieder heraus. „I hate british and isrealy democracy“; „STOP ZIONISM, STOP FASCISM“, „Bush – Kindermörder“ und was sich an Weltweisheiten in den letzten Jahrzehnten sonst so angesammelt hat. Ein wenig verwundert fragt man sich, was denn der Zionismus und Israel auf einer Mahnwache gegen den Irakkrieg – eine solche war’s nämlich – zu suchen haben; aber die Lösung ist leicht zu finden: in der auf diesem Planeten herrschenden kapitalistischen Totalität muss es ja ein diese Totalität erzeugendes Prinzip(3) geben, und welches das ist, das lässt sich in diversen Standardwerken nachlesen.(4)
Gegenüber diesen Klassikern fällt das hier nun zu rezensierende Buch jedenfalls beträchtlich ab. Das Vorwort ist verfasst von Tariq Ali, einem anerkannten linksradikalen Bücherschreiber und Artikelverfasser, seines Zeichens gern gesehener Autor in der „New Left Review“, eines bekannten Publikationsorgans linker Intellektueller. Namen wie Slavoj Zizek und Frederic Jameson stehen in dieser Zeitschrift jedenfalls in trauter Eintracht neben dem des Herrn Ali. Der empfiehlt uns nun diesen „Guide for the Movement“ als „timely and necessary“ und schwafelt ansonsten etwas von der „eruption of a new anti-capitalis movement in seattle“ – muss wohl etwas mit dem dort aktiven Vulkan zu tun haben –, von „giant ... movements“ und ähnlichen Zeugnissen wahrer Männlichkeit. Nachdem sich nun alle, die an den diversen Ausbrüchen beteiligt waren, einen runterholen durften, kommt die Rede unweigerlich auf die öffentliche Kastration vom 11.09.2001, die aber wohl doch nur eine scheinbare war, denn: „The invention of a new enemy was helped by the events of 11 September“. Krönung des Ganzen ist dann eine kurze Begriffsbestimmung des Imperialimus: der umfasst nämlich all die fiesen Sachen, die die USA so machen – also beispielweise ihre Interessen vertreten. Die Befreiung von diesem Übel kann – und damit endet Ali – nicht von „the elites“ kommen, sondern nur von denen „who suffer“.
So viel analytische Klarheit macht selbstverständlich neugierig auf mehr, und man wird – soviel sei hier bereits verraten – auch im weiteren nicht enttäuscht. Das Buch ist unterteilt in drei große Themenbereiche: „Issues“, „Regions“ und „Players“. Die AutorInnen der jeweiligen Beiträge sind wohl zum Großteil dem trotzkistischen Spektrum zuzuordnen,(5) auch einige ParlamentarierInnen sind unter ihnen. In den „Issues“ wird abgehandelt, was der/die angehende AntiimperialistIn an Basiswissen so braucht; kurze und knackige Definitionen werden geliefert, die sich gut zum Auswendiglernen eignen. Hervorgehoben seien hier nur einige Punkte: die Menschen der Welt sind unterschieden in gute und böse, jene vertreten eine imperialistische Moral, diese den gesunden Menschenverstand, den ImperialistInnen – sprich den AmerikanerInnen – geht es immer nur ums Öl – wahlweise aber auch nur um die Macht, der Rassismus gegen die Muslime löst den Antisemitismus ab, Nationen sind zwar nichts überhistorisches, nationale Befreiung ist aber trotzdem gut, zumindest wenn sie von unten kommt, und die USA begehen Menschenrechtsverletzungen (Guantanamo). Die einzelnen Beiträge bedienen sich dabei vulgärmarxistischer Interpretationsmuster á la: Die Römer konnten ihr Imperium errichten, weil sie das Pferd besaßen, die anderen dagegen nur den Ochsen.
Kann man nun mit VulgärmarxistInnen zumindest noch über Fakten diskutieren, brechen sich diese Reste rationalen Denkens spätestens am Thema Religion. Eigentlich müssten MarxistInnen – und solche zeichnen für das Buch verantwortlich – Religionskritik verinnerlicht haben. Allein, ein Großteil der Beiträge des Buches dient sich der islamischen Community an.(6) Die Demonstrationen in London gegen den Afghanistan- und den Irakkrieg wurden von einem Bündnis islamischer und linker Gruppierungen getragen, und dieses Bündnis wird als „multiracial“ abgefeiert, ohne auch nur eine Zeile darauf zu verschwenden, dass es bei den islamischen Gruppen mit Emanzipation ja nun doch nicht so weit her sein kann. Offensichtlich reichten zwei Kriterien, um sich dem Bündnis gegen den Krieg anzuschließen: die Ablehnung des Krieges und die bedingungslose Kritik an Israel. Die Demonstrationen gegen den Krieg waren stets auch Demonstrationen gegen den „israelischen Apartheidsstaat“, ein Fakt, der immer und immer wieder deutlich herausgestellt wird. Der Antizionismus, der das gesamte Buch durchzieht, ist erschreckend und macht deutlich, wie real die Rede von der antisemitischen Internationale ist. In fast allen Beiträgen gelingt es den AutorInnen, einen Seitenhieb gegen Israel zu führen: der Wahn ist kreativ bis zum Exzess. Im Beitrag zu Palestine – Israel gibt es nicht, nur Palästina – brabbelt es aus dem Autoren – einem Mitglied des Britischen Parlaments – heraus: „I compare the Palestinian phenomenon to the process of labour that a woman has to go through to give birth. Once it begins, it cannot be stopped. It must go foreward to new life or to death.“ Er hält inne und gibt dann zu, das sei keine linke Rhetorik und da hat er zweifelsfrei Recht, das ist faschistische Rhetorik.
Es ist vollkommen sinnlos, hier an dieser Stelle auf die Vielzahl der „Argumente“ einzugehen, die bemüht werden, um Israel an den Pranger zu stellen. Israel oder wahlweise auch den IWF, die Broker der Wall Street oder wer sonst noch so das Böse repräsentiert – jedes antisemitische Topos wird bedient.
Dabei ist das Buch wirklich schick aufgemacht. Bilder von entschlossenen DemonstrantInnen machen Mut, Bilder von verhungernden und verkrüppelten Kindern sorgen für die nötige moralische Empörung, weinende Migrantinnen erwecken Mitleid u.s.w..
Es mag sein, dass die empirische Basis für eine abschließende Beurteilung der britischen Linken nicht ausreicht. Man mag sagen, es ist nur ein Buch, es war nur eine Mahnwache. Aber es war das einzige, was wahrnehmbar war.

mele

Fußnoten

(1) Der Autor ist sich vollends der absolut unzulässige Generalisierung, die an dieser Stelle vorgenommen wird, bewusst.
(2) Die adverbiale Bestimmung ist natürlich frei erfunden, aber der Lustgewinn, der sich aus der Andienung an dieses Ressentiments gewinnen lässt, ist zu groß, als das ihm an dieser Stelle zu widerstehen wäre.
(3) Um das zu verstehen, muss man Hegel gelesen haben.
(4) Zur Lektüre anempfohlen seien an dieser Stelle die Protokolle der Weisen von Zion.
(5) Die bedeutendste trotzkistische Organisation Großbritanniens ist die Socialist Worker Party. Der deutsche Linksruck ist davon eine Art Ableger.
(6) Besonders deutlich wird dies im Beitrag zum „Anti-War movement“

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last modified: 28.3.2007