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das Erste, 0.9k

Im Zeichen
triumphalen Unheils


Zunächst etwas in eigener Sache über die Bildauswahl fürs „Erste“: Bild samt Unterschrift für diese Rubrik werden nicht von ihrem Schreiber besorgt. Im vorigen Monat demonstriert der antideutsche Illustrator und Kommentator, dass bei ihm der dünne Lack der Kapitalismuskritik endgültig ab ist. Ein Plakat gegen die Agenda 2010 mit der Aufschrift „Es kommt zu dir nach Haus!“ wird so Anlass der Bildunterschrift: „Es! Das Böse? Das Abstrakte? Die Juden? – soziale Bewegung und ihr Ressentiment“. Ihm ist scheißegal, was Kapitalismus ist: Eine subjektlose Herrschaft – natürlich kein personal festzunagelndes „Er“ oder „Sie“, sondern ein „Es“. Dieses „Es“ ist „das Böse“, jawohl, weil menschenfeindlich, weil über alle sinnlichen Bedürfnisse hinwegtrampelnd und repräsentiert eine „abstrakte“ (= über ein sich selbst genügendes Prinzip, nicht über direkte Absprachen vermittelte) Vergesellschaftung. Nur wer klar hat, dass „das Böse“ ein „abstraktes Es“ ist, kann nicht darauf kommen, „die Juden“ seien die Schuldigen am Kapitalismus. Doch der antideutschen „Bewegung“ reicht längst – das „Ressentiment“. Ende der Ansage.

16000-Euro-Frage des Leipziger Bündnisses gegen Rechts (BgR): Was machen Nazis? Kein Joker hilft weiter. Kurz vorm schmählichen Abgang bekommt der Wertkritiker noch die Lösung zugerufen: Nazis akkumulieren Merkmale aus Diskursen (Veranstaltung vom 11.11.03 im Conne Island). So sind Sprache und Denken von Leuten beschaffen, die eine „Zeitschrift gegen die Realität“ machen, genau so. Doch dazu später mehr.

Der älteste Atommeiler Deutschlands (in Stade) wird abgeschaltet. Ein Eon-Sprecher sieht dafür lediglich „wirtschaftliche Gründe“ (Tagesschau, 14.11.), Trittin feiert es als Signal für die Unumkehrbarkeit des Ausstiegs aus der Atomenergie. Nachdem dieser vor einiger Zeit beschlossen wurde (wobei „Ausstieg“ jahrzehntelanges Auslaufen des Kraftwerksbetriebes bedeutet), musste jetzt offensichtlich der Anschein des Handelns erweckt werden.
Fakt ist: Es handelt sich bei der Kernenergie um eine hochgradig unsichere Technik, unsicher nicht v.a. deswegen, weil permanent kleinere Unfälle passieren, sondern wg. der Verheerungen, die ein GAU mit Sicherheit anrichtet. (Am Rande: Es ist wichtig, die Prägung islamistischer Attentäter durch religiöse und gesellschaftliche Tradition zu analysieren, um herauszubekommen, wie jemand auf die Idee kommen kann, sein Leben dafür dranzugeben, so viel wie möglich Juden zu töten. Doch kennzeichnend für die Borniertheit des Warenverstandes ist, dass sich niemand Gedanken über die Motive und letzten Gefühle derjenigen gemacht hat, die sich auf das noch rauchende Reaktorgelände von Tschernobyl begeben haben und damit in den sicheren Tod gegangen sind.) Nicht, dass die kleineren „Pannen“ fehlen würden: Längst ist dokumentiert, dass den Castor begleitende Polizisten erhöhte Strahlendosen wg. unzureichend abgeschirmter Behälter abbekamen, dass aus korrodierten Dichtungen wg. der Beladung unter Wasser verseuchtes Material entweichen konnte.
In Hitzezeiten (die ja wegen der globalen Erwärmung nicht eben seltener werden) ist diese Energieform (zusammen mit Kohlekraftwerken) offensichtlich sowieso kaum zu gebrauchen: entweder ist das Kühlwasser der Flüsse als solches zu heiß, um überhaupt noch kühlen zu können, oder es darf nicht verwendet werden, weil das von den Kraftwerken nach der Kühlung einzuleitende zu heiß wäre (wie sich in diesem Sommer gezeigt hat, als einige Ministerpräsidenten die Leute bei fast 40 C zum Abschalten der Klimaanlagen aufriefen).
Kurz gesagt, wir haben es mit einer Technik zu tun, an der besonders leicht die Qualitätslosigkeit kapitalistischer Wertproduktion demonstriert werden kann: Der Betrieb ist zerstörerisch für Mensch und Natur (zudem ist die Möglichkeit des Missbrauchs strahlenden Materials durch Terroristen nie auszuschließen), die Versorgung mit der in Rede stehenden Ware selbst höchst unsicher, Alternativen zum Zerstörungskonsum stehen – selbst systemimmanent – längst bereit. Und dennoch werden wir auch die nächsten 30 Jahre auf dieser Technik sitzenbleiben, denn nach wie vor beschreibt der alte Kalauer der Kernkraftgegner die Situation recht gut: Es gilt allgemein als unsicher, wann der Übergang zur Solarenergie kommt. Doch der Zeitpunkt ist durchaus präzise anzugeben: Der Wechsel zur Solarenergie erfolgt, wenn es der Energiewirtschaft gelingt, zwischen uns und der Sonne einen Zähler zu installieren.
Der Widerstand gegen die mörderische Kernkraft ist nicht nur berechtigt, sondern notwendig. Natürlich: Die Formen, in denen sich dieser Widerstand äußert, sind für gestandene AdornitInnen schwer nachzuvollziehen. Es wimmelt von Andachten, Puppentheateraufführungen, Gebeten, Mahnwachen und Laternenumzügen. Der theoretische Unterbau ist nicht weniger unappetitlich: So plappert bspw. die Kernkraftgegnerin Lilo Wollny in ihrem einschlägigen Buch davon, dass uns die Stromwirtschaft bis heute über den „wirklichen ... ehrlichen Preis“ für Energie im Unklaren lässt – so, als hätte Frau Wollny jederzeit lückenlosen Überblick über die Sektpreisbildung.
Doch es findet auch Nützliches statt: Vorträge über die Altnazi-Connections der Atomindustrie, Reflexionen über die blitzschnelle Abschaffbarkeit selbst elementarer Grundrechte (wie Demonstrationsfreiheit), Aufklärung über die Folgen von Strahlung im menschlichen Körper und Vernetzungsversuche mit französischen Umweltaktivisten (die die Behauptung, wendländischen Bauern ginge es lediglich darum, dass ihnen der Atommüll nicht auf die Pelle rückt, als platte Lüge entlarven).
Dennoch stehen Not und Elend gegeneinander: Hier der immergleiche „phantasievolle“ Widerstand, dessen Heimatschutzfraktion sich kaum gegen Haiders Umarmungen wehrt, dort die Vertreter der zeternden „Ideologiekritik“, für die die natürliche Umwelt eine fiese Erfindung antizivilisatorischer Esoteriker zu sein scheint, nur geeignet, Deutschland aufzurüsten und Amerika zu schwächen. Immer, immer wissen diese Leute schon alles: Man solle aufhören mit dem ewigen Klagen über Umweltzerstörung – Kapitalismus sei nun mal keine menschenfreundliche Veranstaltung, belehren sie schwer genervt ausgerechnet die Wertkritiker und nehmen diese Binsenweisheit als Vorwand dafür, nun auch ja keinerlei Detailanalyse (von -kritik zu schweigen) mehr treiben zu müssen. Wenn der Castor rollt, Flüsse vergiftet werden, Flut- und Dürrekatastrophen parallel stattfinden, Waldbrände von Jahr zu Jahr verheerender werden und die Flächenversiegelung bei all dem munter weiter geht (schon wegen der lahmenden Baukonjunktur dringend notwendig!), dann ist das für sie zwar bedauerlich, aber längst langweilig geworden – fürchterlich unsexy das Geheule über die „Natur, die schließlich unser Feind“ (Joachim Bruhn) sei. Gleichbleibend spannend hingegen ist es, darüber nachzugrübeln, wer wann was gesagt hat, was er vor einem Jahr so noch nicht gesagt hat. Die Fitteren unserer Diskursanalytiker wälzen Strategiepapiere aus dem Kanzleramt, die Dümmeren zitieren „konkret“ und „Bahamas“ als Autoritäten und bestreiten ihre Stammtischgespräche mit der Aufregung über den neuesten Trash aus dem open posting von „Indymedia“. Ihnen allen sei erneut zugerufen: Ihr seid nicht kommunistisch, das seid ihr nicht!
Warum könnt ihr nicht begreifen, dass es – bei aller Einsicht in unsere Verstrickung in die Verhältnisse (Stichwort: Warenform und Denkform) – darum geht, den eigenen Kopf zu benutzen, mit dem Ziel, sich nicht unterkriegen zu lassen durch die bleierne Schwere der Wertvergesellschaftung? Kritik schlägt dann in dummschlaue Affirmation um, wenn sie mit dem ganzen Begriffsaufwand der Kritischen Theorie klarzieht, dass Denken nicht sich verlohne, dass es ganz und gar aussichtslos, wenn nicht gefährlich wäre, bewusst den Zugriff auf die gesellschaftliche Reproduktion sich zu verschaffen. Eine Linke, die Kommunismus für wünschbar, höchstens für denkbar hält, muss es als Zumutung empfinden, menschenfeindliche Technologien ohne Angst vorm Vorwurf der Technikfeindlichkeit einfach auszusortieren. Wer daran festhält, dass Kommunismus machbar ist, wird die Befriedigung sinnlicher Bedürfnisse in den Mittelpunkt seiner Agitation stellen. Demonstriert zu haben, dass Widerstand gegen die alltäglichen Zumutungen eines menschenfeindlichen Systems möglich ist, ist bleibendes Verdienst der Anti-AKW-Bewegung, wie wertförmig verstümmelt ihre Aktionen auch sind.

Was sonst noch passierte:
Die jüngsten Leipziger Regressionen lassen sich gut in der Sprache der technischen Kursanalyse beschreiben: Das BgR testete erneut eine mehrjährige Unterstützungslinie (= temporäre untere Schranke für einen Kurs, deren Erreichen anzeigt, dass ein weiterer Absturz droht). Es serviert uns auf einer Veranstaltung über den „Volkstrauertag“, die sich rund ums Thema „Volksgemeinschaft oder Zivilgesellschaft“ dreht, wieder mal eine komplett unverdauliche Mischung: postmodernes Geplapper verrührt mit politikwissenschaftlichem Dummschwatz und aufgeschnappten antideutschen Parolen, dargeboten von einem schwer gelangweilt vor sich hinnölenden Studenten. So weit, so bekannt. Neu ist die lautstarke Verteidigung, die die Seminaristen des Podiums aus dem Publikum erfahren. Diese Claqueursbande antideutscher P.C.-Verfechter, eine bizarre Ansammlung über- und unterstudierter Ex-Bewegungshanseln, hält es nach wie vor für eine Zumutung, Marx zu lesen; der Grad ihrer geistigen Regsamkeit wird zureichend mit „Bauernschläue“ beschrieben, einer Bauernschläue, die ihnen eingab, alle naselang zu betonen, nun wirklich keine Bewegung mehr zu wollen und die es genau deswegen geschafft hat, immer wieder Leute zur untot vor sich hinstolpernden „action“ zu überreden.
In letzter Zeit hat das BgR schwer damit zu tun, Entschuldigungen und Eingeständnisse am Fließband zu produzieren. Statt glasklar sein ehrenhaftes Demo-Engagement am Tag X zu verteidigen (und dessen Scheitern eben nicht automatisch als inhaltliche Widerlegung der Aktion selbst zuzulassen), fängt es an zu winseln: „Der Mobilisierung zu einer eigenen Demonstration am Tag X in Leipzig lag eine gründliche Fehleinschätzung zugrunde. Der Glaube, mit einer eigenen Position gegen den beginnenden Krieg linke Gruppen von der Beteiligung an der Friedensbewegung abhalten zu können, entpuppte sich als naiv.“ (s.: „nostra culpa, nostra maxima culpa“ im CEE IEH #104). Charakteristisch ist der letzte Satz. Die „eigene Position“ hat man nicht deswegen, weil man sie für richtig hält, sondern weil man mit ihr irgendwelche linken Gruppen von irgendwas „abhalten zu können“ glaubt. Die Position ist offensichtlich völlig beliebig – was zählt, ist, wie sie wirkt. Und solche Leute werfen wertkritischen Kriegsgegnern Populismus vor!
Wie alle Oligopolisten beachtet das BgR peinlich genau die Konjunktur, d. h. analysiert, „wo was geht“. Ging vor einiger Zeit was gegen Arbeit (zusammen mit Wertkritikern), dann was gegen Krieg (zusammen mit einem linken Bündnis), geht es heute (zusammen mit den Anti-D’s) gegen soziale Bewegungen und für irgendeine „Polarisierung“. Irgendwann in nächster Zeit „geht“ vielleicht Tiere befreien und Hochsitze ansägen oder auch Arbeiterkampf (zusammen mit Jürgen Elsässer).
Und wie Politikstudenten nun mal so sind: Man kann sie nicht schwerer beleidigen, als durch vermeintlich unmotiviertes Marx-Zitieren (vgl. dazu den Leserbrief von Sören Pünjer in CEE IEH #105). Oh Mann!
Wenn man nicht genau wüsste, was für ausgebuffte Strategen unsere Antideutschen sind – man könnte ihnen nur schwer das Mitleid dafür versagen, dass sich ihnen mittlerweile postmoderne Polithanswürste als Verbündete andienen.
Die Veranstaltung und die Reaktionen der Sympathisanten im Publikum haben wieder mal prima vorgeführt, was political correctness ihrem Wesen nach nun mal ist: Begriffshuberei. So wie man locker ein sexistisches Arschloch sein kann, solange man sich nicht durch die Benutzung bestimmter Begriffe verrät, ebenso ersetzt das blindwütig-pejorative Hantieren mit Schlagworten – “Massenansatz“, „soziale Frage“, „Anknüpfungspunkte“, „revolutionäres Subjekt“ – Argumentation und Kritik. So wird jeglicher Vermittlungsversuch als solcher (bspw. bei Leipziger Montagsdemonstrationen) angeprangert, statt sich die Argumentation der Agitierenden (in diesem Fall: der „Wertkritischen Kommunisten“) vorzunehmen. Die „Leute dort abzuholen, wo sie stehen“ ist falsch, wenn das heisst, jede Äußerung einer Bewegung kritiklos abzufeiern und die eigenen Essentials zugunsten zahlenmäßiger Stärke herunterzutunen (Geschichte der KPD nachlesen!). Keineswegs falsch ist, Leute über das zu informieren, was man selbst will und sich mit ihrem geäußerten Anliegen zu vermitteln. Das ist aber nur dann sinnvoll, wenn man die elende Mode der Bewegungsbeschimpfung nicht mitmacht, wenn man davon ausgeht, dass Menschen sich unterm Einfluss einer Argumentation ändern können.
Noch mal ganz langsam für BgR und Sympathisantensumpf: Begriffe bedeuten etwas. Jemand, der sie benutzt, meint damit etwas von ihnen Ausgedrücktes. Begriffe sind nicht dazu da, mit ihnen böse Leute zu erwischen (die sie benutzen), sondern dienen der Erkenntnis einer Sache, eines Vorgangs. Ein Beispiel: „soziale Frage“. Statt klarzumachen, was mit „soziale Frage“ früher bezeichnet wurde und wie das, was es damals meinte, sich heute darstellt, reicht es vielen, durch die ironische Benutzung dieses vorsintflutlichen Terminus’ jede Sozialkritik abzubügeln, um diejenigen, die das nicht mitmachen wollen, als Leute darstellen zu können, die es einfach noch nicht geschnallt haben, dass für die Linke jetzt „deutsche Großmachtrolle“ an der Reihe ist. Die Erwähnung der „sozialen Frage“ dient in Diskussionen lediglich als Chiffre. Was stimmt, ist, dass die (emanzipatorische oder reaktionäre) Thematisierung des Sozialen (als Kritik oder Ressentiment) zunimmt. Jetzt ist weiter zu fragen: Was ist das, was man mit diesem Begriff erfassen will? (Er ist also weiter mit „Sachhaltigem“ anzureichern, würde Adorno vermutlich sagen.) Es ist das ganze Feld alltäglicher Lebensumstände der Menschen, präziser: der menschlichen Reproduktion in einer Welt von Wert, Ware, Arbeit, Geld und Staat – wenn man glaubt, deren Vollzug immer öfter verhandeln zu müssen, ist das offensichtlich ein Hinweis darauf, dass sie nicht mehr sicher funktioniert. Und insofern, aber auch nur insofern, wird die „soziale Frage“ wieder wichtig.
Doch da es dem BgR auf die Linke und eben nicht auf den Kommunismus ankommt, wird es vermutlich weiterhin Diskurse analysieren, Felder besetzen und anderen Leuten bestimmte Vokabeln verbieten, bestimmte aufdrängen.
Nicht nur bei den Mitläufern des BgR erfreut sich die begriffliche political correctness großer Beliebtheit. Manchmal müssen einfach bestimmte Begriffe auftauchen, um einen Text zu einem kritischen zu machen, stimmt’s Rudolf?!. Nun denn: „Antisemitismus“. Was vergessen? Ach ja: „Ideologie“. Damit alle lachen können: Die beiden Worte werden hier nur deswegen angeführt, damit der Rudolf Arnold (vgl. CEE IEH #105: „Hameros...“) nicht wieder rumningelt, dass sie der Wertkritiker „je nach krisentheoretischem Bedarf einfach weglässt“.

Mausebär

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last modified: 28.3.2007