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review corner Buch, 1.8k

Türck'sches Allerlei.


Christoph Tuercke - Fundamentalismus. Maskierter Nihilismus, 3.2k
Christoph Türcke: "Fundamentalismus maskierter Nihilismus", zu Klampen Verlag, Springe 2003
Die schlechten Nachrichten zuerst. Wer sich erhofft hatte, in Christoph Türckes neuestem Buch Konkretes über die politischen und psychologischen Motive der Attentäter vom 11.09. zu erfahren, sieht sich enttäuscht. Kein Wort über ihre Affinitäten zum Faschismus oder über die des Islamismus zu diesem, keine Brücke wird geschlagen zwischen der Analyse des autoritären Charakters in den 40er Jahren und einer Analyse der islamischen Massen in der Gegenwart. Christoph Türcke hatte dies vielleicht leisten können, ist er doch einer der Letzen, für die kritische Theorie nicht nur Ballast ist, sondern ernstzunehmende Verpflichtung. Der Antisemitismus tritt zwar an den verschiedenen Stellen, an denen das Buch auf die Attentate eingeht, mit kaum verhüllter Deutlichkeit hervor, wartet eigentlich nur noch auf seine Bezeichnung, allein benannt wird er nicht.

Dünn gesät sind die Stellen, an denen Türcke auf den Zusammenhang zwischen der ökonomischen Grundlage unserer Gesellschaft und ihrer kulturellen Vollzugsform, dem Chargieren zwischen Fundamentalismus und Nihilismus, eingeht. Gewiss, sie fehlen nicht völlig, die Bestimmungen der Kritik der politischen Ökonomie: es ist von permanenter Rationalisierung die Rede, von der zentralen Vergesellschaftungsinstanz des Marktes und seiner sinnstiftenden Funktion, von Konkurrenz als strukturellem Prinzip, wie auch von der Angleichung alles Dinglichem in Geldquanta als ökonomischer Gesetzmäßigkeit. Allein all dies bleibt seltsam randständig, abstrakt und wird in keinen immanenten Zusammenhang gestellt. Fast scheint es so, als schleppe Türcke diese Bestimmungen mit sich, in der Form eines nicht bewältigten Restes seiner marxistischen Vergangenheit. Von einem Gutteil dieser konnte er sich in seiner letzten Buch, der „Erregten Gesellschaft“ freimachen, gipfelnd in der Formulierung: „Es gibt kein Wertgesetz.“ Mag ja sein, doch geht ihm gerade durch diesen Vatermord die Grundlage seines Totalitätsverständnisses verloren, an dem er doch nach wie vor festhält. Er ist nicht Ökonom genug, etwas anderes an die Stelle dieses ominösen Gesetzes zu setzen und so zerfällt ihm seine marxistische Weisheit in ihre einzelnen Bestandteile. No more synthesis, anymore.
Dabei ist Türcke auf seinem Gebiet die Fähigkeit zur Synthese wirklich nicht abzusprechen. Unter seinen Alchemistenhänden fangen die Phänomene an zu schillern, lösen sich auf und verbinden sich neu. So lauscht er auch dem Fundamentalismus einige Geheimnisse ab, auf die kaum ein anderer gekommen wäre. Die Frage steht nur, ob sie Ergebnis seiner Urteils- oder seiner Einbildungskraft sind. Nicht dass er behaupten würde, den Stein der Weisen gefunden zu haben, dennoch bricht in jener Synthesis, durch die er die moderne Gesellschaft zu beschreiben versucht, manchmal ein analogisches Denken durch. In der Renaissance hätte sich Türcke bestimmt heimisch gefühlt.
In Türckes Buch ist das Datum, welches als der Schlüssel zum Geheimnis des Fundamentalismus angesehen werden kann, das Jahr 1910. Als eine Achsenzeit en miniature gelten für Türcke die Jahre vor dem ersten Weltkrieg, in denen sich, langsam und versteckt zunächst, jene Bewegungen Bahn brachen, die sich heutzutage unter das Phänomen „Fundamentalismus“ subsumieren lassen. Sie könnten auf den ersten Blick verschiedener nicht sein. Es ist die Avantgardekunst des frühen zwanzigsten Jahrhunderts, der Zionismus, der „Hollywoodismus“ als besonders wirkmächtige Spielart der Kulturindustrie und jene religiösen Strömungen, die im Alltagsverstand noch am ehesten mit dem Begriff verbunden sind.
Durch geschickte Anordnung dieser vier „Spielfiguren“ will Türcke den Fundamentalismus umstellen, ihn in seinen verschiedenen Facetten zu fassen bekommen und ihn möglichst vollständig auf den Begriff bringen. Die Idee Benjamins und Adornos von der Konstellation stand wohl Pate. Doch kein Begriff ohne Gegenspieler. Als dieser fungiert hier der Nihilismus, als der Unglaube an letzte Fundamente par excellence. Er ist die eine Seite des modernen Bewußtseins, untrennbar verquickt und verzahnt mit seinem großen Antipoden. Als guter Dialektiker, der Türcke ohne Zweifel ist, muss er beide in ihrem immanenten Zusammenhang betrachten. So schreibt er im Vorwort: „Im folgenden soll hier nicht nur das Nihilistische deutlich werden, das von Anfang an im Fundamentalismus steckte, sondern auch, wie der moderne Nihilismus allmählich fundamentalistische Züge gewinnt. Fundamentalismus und Nihilismus stecken tief ineinander. Entweder man bekämpft beide zusammen – oder keinen von beiden.“ (14)
Ausgangspunkt des Buches ist der 11. September. Dieses welterschütternde Ereignis ist ihm Sinnbild für die Auseinandersetzungen von Fundamentalismus und Nihilismus, ihre Konvergenz wie Divergenz wird daran sichtbar. Türcke interpretiert den Angriff auf die Twin Towers als Angriff auf die westliche Welt, verübt von denjenigen, die sich nicht als Teil dieser fühlen. Der Opfermut der Attentäter hat für Türcke etwas zutiefst Beunruhigendes, geschieht er doch aus einem tiefen Glauben heraus, aus einem unerschütterlichen Fundament, welches der ungläubigen, postmodernen westlichen Kultur abzugehen scheint und ihre Unsicherheit offenbart. Kaum sei sie fähig, sich dagegen zu wehren, und wenn, dann nur, indem sie sich auf ihre eigenen ideologischen Werte, wie Toleranz und Menschenrechte versteift und dadurch jenen Werten gerade ihre Wirkkraft nimmt. Türcke kann der fundamentalistischen Kritik an der Moderne einiges abgewinnen, denn „Niemand deckt ... den nihilistischen Grundzug in der sich globalisierenden Unterhaltungs- und Spaßkultur schonungsloser auf als militanter Fundamentalismus.“ (12) Er ist der große Versucher, der dem modernen Menschen Halt zu geben verspricht, in einer sinnlos erscheinenden Welt. Nur scheitert er daran, und dies wird für Türcke am 11.09. deutlich, dass er sich der selben Mittel bedienen muss, die er kritisiert. Osama goes showbiz; die Angriffe auf die USA hatten vor allem symbolische Bedeutung und gewannen ihre Kraft aus ihrer den Massenmedien kompatiblen Inszenierung. So gleicht sich der Fundamentalismus dem Nihilismus an.
Bevor Türcke sich diesem Wechselspiel weiter widmet, unternimmt er eine Reise durch die Menschheitsgeschichte, dargestellt an der Entwicklung der Suche nach dem letzten Grund, nach der unumstößlichen sicherheitsversprechenden Wahrheit. Diese Suche ist die Vorgeschichte des Fundamentalismus.

Urgeschichte des Fundamentalismus

Der Begriff „Fundamentalismus“ beginnt seine Karriere 1910 in den Vereinigten Staaten. In diesem Jahr erschien der erste Titel der Schriftenreihe „The Fundamentals“, die, entwachsen einem protestantischen Protestmilieu, sich zum Ziel gesetzt hatte, den erschütterten Glauben an die Wahrheit der Bibel zu festigen und ihn gegen die Gefährdung durch die modernen Naturwissenschaften abzusichern. Höhepunkt der damaligen Auseinandersetzungen war der Daytoner Affenprozess 1925, in welchem die biblische Lehre der Erschaffung der Welt gegen den Darwinismus durchgesetzt werden sollte. Diese Auseinandersetzung legt für Türcke die „existenzielle ... Tiefendimension allen menschlichen Begründens offen“. Begründet werden muss, was nicht sicher zu sein scheint, und das sind zum einen in Frage stehende Grundsätze, banaler aber auch Ansprüche auf Güter, die nicht durch Gewalt in eigenen Besitz gebracht werden können. Das Begründen dient aber auch der Sicherung des menschlichen Seelenhaushaltes, führt es doch Unbekanntes auf Bekanntes zurück. Letzte Gründe dienen als Netz, welches den Menschen in seiner Auseinandersetzung mit der ihm feindlich erscheinenden Umwelt auffängt, sie liefern ihm einen Legitimations- und Erklärungsrahmen. Das Bedürfnis nach Sicherheit zieht sich laut Türcke als eine Art strukturierendes Prinzip durch die Menschheitsgeschichte. Es ist das Geheimnis des Fundamentalismus, dieser seine nicht mehr zu rechtfertigende Verfallsform. Die Urszene dieser Genealogie hin zum heutigen Fundamentalismus ist für Türcke das sakrale Opfer. „Ich opfere, also bin ich Mensch.“ (25) Es hat für den Menschen eine entlastende Funktion, dient zur Verarbeitung des Schreckens, indem es die unkontrollierbaren Gewalten der Natur diesem insoweit selber in die Hand gibt, dass er sie in eigener Regie vollziehen kann. Das psychologische Prinzip, auf welches Türcke hier in Anlehnung an Freud rekurriert, ist der traumatische Wiederholungszwang. „Man vollzieht Grauenhaftes, um vom Grauenhaften loszukommen. Die ständige Wiederholung soll das Unerträgliche allmählich erträglich, das Unfassliche fasslich, das Ungewöhnliche gewöhnlich machen.“ (27) Mit dem Menschenopfer ist der erste Schritt aus der Naturverfallenheit heraus getan und der Weg frei für eine sich stetig verfeinernde Sublimierungsgeschichte. Bedarf das Opfern doch alsbald selbst der Legitimation, denn es ist von dem Schrecken, den es bannen soll, kaum geschieden. So treten Geister, später Götter in die Welt. Doch auch sie legitimieren sich nicht ewig selbst. „Es regt sich das Bedürfnis zu erfahren, warum die Gottheit denn Verlangen nach solchen Opfern hat. Das ‚Warum‘ nagt auch die Götter an.“ (29) Und so nimmt, getrieben durch das kleine Fragewort, die Menschheitsgeschichte ihren Gang. Die Mythen, die das Opferverlangen der Götter begründen sollen, weichen als letzter Grund auf, der Logos, die begründete Rede, entsteht. Dieser verfeinert sich, erklimmt immer neue Abstraktionsstufen und über mehrere Zwischenstationen ist Türcke bei Descartes im 17. Jahrhundert angekommen. Dieser „gelangt tatsächlich zu jenem unbedingt Sicheren, woran jeglicher Zweifel ausgeschlossen ist.“ (45) Es ist das cogito, das „Ich denke“. Dieser letzte Grund, entzieht sich allerdings beharrlich jeglicher inhaltlichen Bestimmung und bleibt damit dermaßen flüchtig, dass es das Sicherheitsbedürfnis der Menschen nicht mehr erfüllen kann. Mit Descartes geht laut Türcke die Geschichte der Suche nach dem letzten Grund zu Ende und der Fundamentalismus tritt auf als „das große moderne Sich-Sträuben gegen die Selbstzerstörung der Letztbegründung.“ (49) Doch setzt er nicht, wie jetzt zu erwarten gewesen wäre, nach Descartes ein, vielmehr lässt er noch fast 300 Jahre auf sich warten.

Konstellationen

Nachdem sich die Bedingung der Möglichkeit für die Entstehung des Fundamentalismus weltgeschichtlich-teleologisch herausgebildet hat, tritt er in der entwickelten bürgerlichen Gesellschaft voll in Erscheinung. Den Anstoß dazu liefert die Moderne selbst, in der alles „Ständige und Stehende verdampft“, wie Türcke unter Rückgriff auf eine Formulierung des „Kommunistischen Manifests“ konstatiert. Die undurchschaubar und unheimlich scheinenden Destruktionskräfte des Kapitalismus, die Auflösung traditioneller Formen menschlichen Zusammenlebens, die fortwährende Umwälzung der Produktion lässt bspw. die religiösen Gemeinschaften in größten Schwierigkeiten zurück. Sie müssen sich anpassen, und diese Anpassungsleistung, die Türcke vor allem in der christlichen Religion beobachtet, fasst er unter dem Terminus des „weichen Fundamentalismus“, der ersten der vier Spielfiguren, mit er den Fundamentalismus umstellt. „Das Christentum ist aus der Not fundamentalistisch erstarrt, der Fundamentalismus ist aus Not weich geworden – aber gerade damit ein Paradebeispiel dafür, was survival of the fittest heißt.“ (87) Auch wenn das Christentum nie davor gefeit ist, wieder in harten Fundamentalismus umzuschlagen, verortet Türcke diesen derzeit eher im Islam. Dieser ist, in seinen historischen Voraussetzungen und seinem Selbstverständnis, wesentlich weniger geeignet, sich in die westliche Moderne einzugliedern, als Christentum und Judentum.(1) Letztere haben für Türcke ihren Ursprung in einer in Stärke gewendeten Schwäche, ziehen ihre Kraft aus der Niederlage, während der Islam eine Siegerreligion ist. Generös im Triumph, grausam in der Niederlage. Obwohl sich der Islam an fundamentalistischer Härte gegenwärtig besonders hervortut, ist der Fundamentalismus für Türcke nicht ohne seine Ursprünge im Christentum zu begreifen. Er ist „christozentrisch“ (97).
Neben dem religiösen Fundamentalismus macht Türcke als einen Seitenarm der Suche nach dem letzten Grund den „ästhetischen Fundamentalismus“ der Avantgardekunst aus. Durch diese entwickelte das Letztbegründungsunternehmen noch einmal eine geistige Produktivität, die Türcke dem religiösen Fundamentalismus rundherum abspricht. Stark beeinflusst durch esoterische Zirkel, entwickelte sich in der Avantgarde das Bedürfnis, der Sphäre des Geistigen unmittelbar Ausdruck zu geben. Diese Sehnsucht nach einer unmittelbaren Abbildung des Immatriellen ist für Türcke eine fundamentalistische. Kann doch hier das gefunden werden, was der materiellen Welt, in der alle Dinge der Warenform unterliegen, abgeht: das Wahre, Authentische, Ewige und Beständige. Kein Zweifel, dass dies Unterfangen scheitern musste, hantiert die Kunst doch weiterhin mit Tönen, Farben und Metaphern, die das Geistige stets nur repräsentieren, nie aber selber sind. Dennoch sieht er im ästhetischen Fundamentalismus einen kritischen Impuls am Werk, der sich in der Auflösung festgestellter Perzeptionsweisen und in einer schubartigen Entfesselung der Einbildungskraft niederschlug.
Die dritte Spielfigur, mit der sich der Kreis um den Fundamentalismus langsam aber sicher schließt, ist der Zionismus. Dieser ist zu verstehen als eine Reaktion auf die gescheiterte Assimilation der europäischen Juden, bedingt durch den grassierenden Antisemitismus. Die Gründung Israels wurde diskutiert unter stark theologischen Vorzeichen, d.h. als erneuter Exodus, als wiederholter Auszug aus Ägypten. Jedoch ist dieser Einzug ins gelobte Land, in dem „Milch und Honig fließen“, im traditionellen Judentum laut Türcke immer symbolisch verstanden worden als Chiffre für eine universale Erlösungsvorstellung. Im Zionismus wird der Boden Palästina zum realen Ziel. Diese Desymbolisierung des gelobten Landes ist für Türcke Anzeichen eines „Erdkultes“: „Das Symbol wird zum Fetisch. Der geographische Ort als solcher wird heilig – als die Stätte, der Boden, auf den das jüdische Blut gehört.“ (113) Diesem Erdkult kann sich kaum noch entzogen werden. Er erfasst auch die säkularen Juden und sorgt für einen „Unglauben ..., der zutiefst von Glauben unterlaufen ist“ (119). Hier ist für Türcke der Zusammenhang zum Fundamentalismus gegeben. Der aus dem Zionismus entsprungene Erdkult ist Beispiel der Rückseite des Fundamentalismus, der charakterisiert ist als vom Unglauben unterlaufener Glauben. Er ist Beispiel dafür, „dass [in der Modere] profane, triviale Gegenstände und Sachverhalte derart mit höherer Bedeutung aufgeladen wurden, als wären sie sinnstiftende, haltgebende Momente.“ (ebd.)
Der „Hollywoodismus“ ist für Türcke das Gegenstück des Zionismus. Auch er ist nur zu begreifen als eine spezifisch jüdische Reaktion auf die Moderne. Waren die Gründervater der großen Hollywoodstudios doch allesamt arme jüdische Auswanderer. Im Gegensatz zur separatistischen Idee des Zionismus kann „Hollywood“ als der Versuch einer vollständige Assimilation verstanden werden, als Leben des bürgerlichen, amerikanischen Glücksversprechens in Reinform, so gut wie vollständig abgeschnitten von der eigenen jüdischen Tradition. Doch gerade diese Distanz zu den eigenen Wurzeln ist in ihrer Konsequenz für Türcke ein spezifisch jüdisches Phänomen. Die jüdischen Einwanderer sahen sich gezwungen, derart die Vorspiegelungen des amerikanischen Traums zu leben wie niemand sonst. Kein Zufall ist es für Türcke, dass es gerade der Film war, welcher so viele Juden anzog. Ist er doch „das moderne Assimilationsmedium par excellence“ (135). Es entwickelt sich in den Hollywoodstudios der ersten Hälfte des 20. Jahrhundert eine universelle Bildsprache, ein Code, der bald überall auf der Welt verstanden werden sollte. Der Inhalt dieser Bildsprache ist für Türcke gleich dem des Assimilationswunsches. Ein glückliches Leben in der bestehenden Gesellschaft wurde vorgeführt, doch keines darüber hinaus. Türcke fasst den Film als Realtraum, der für Stunden Erfüllung verspricht, doch mit sich führt, dass es kein Jenseits dieser Bilder mehr gibt. Wie im Zionismus findet auch hier eine Desymbolisierung statt. Die Bilder des Films verweisen auf nichts außerhalb ihrer, „sie hören auf, für anderes zu stehen, stellen sich selbst dar, erschöpfen sich in sich selbst.“(139) Sie werden zu Fetischen, ein moderner „Bildkult“ entsteht. Dies gelingt allein schon durch die ständige physische Präsens der Filmbilder, die sich in die Köpfe der Zuschauenden als ständig neue Bildschocks einbrennen. „Dadurch dringt der Fundamentalismus immer mehr in jene physiologische Tiefenschicht vor, aus der die Letztbegründung einst aufgestiegen ist. Von dieser Schicht absehen, hieße den gesamten Unterbau des Fundamentalismus ignorieren.“ (143)

Fazit

Begriffen kann der Fundamentalismus laut Türcke nur sein, wenn er in seiner Doppelgestalt angeschaut wird. Er ist „das Sich-Versteifen auf ein offenkundig erschüttertes Fundament beziehungsweise das Vergötzen von Profanem, dessen Unheiligkeit evident ist“ (148) Für ersteres steht der religiöse Fundamentalismus, für letzteres der Zionismus, aber auch der Zwang, sich der sinnstiftenden Funktion des Marktes zu unterwerfen. Warum Türcke allerdings ausgerechnet den Zionismus als Beispiel wählt, bleibt einigermaßen im Dunkeln(2). Ist doch der Erdkult, den Türcke im Zionismus mit einigem Recht ausmacht und dessen heilsgeschichtliche Legitimation zwar in dieser Form einzigartig, doch fast jeder Nationalismus trägt solch singuläre Züge.(3) Damit wäre aber die Vergötzung des Profanen, also die Auffrischung weltlicher Tatbestände mit göttlichem Nektar, Kennzeichen eines jeglichen Nationalismus, identitätsstiftendes Moment in einer gottlosen Welt. Gleiches mag für die ungeheure Begeisterung gelten, die im 19. Jahrhundert den Naturwissenschaften entgegengebracht wurde oder für den Fortschrittsglauben im Allgemeinen. Dann läßt sich aber das Datum 1910, jene kleine Achsenzeit des Fundamentalismus, nicht mehr halten, von der Türcke im Vorwort spricht.
Gegen die Achsenzeittheorie Türckes spricht auch die Rezeption von Kunst, Kultur und Philosophie im Bildungsbürgertum der westlichen Welt im 19. und frühen 20. Jahrhundert. Genau wie die Filme Hollywoods zur Wunscherfüllung dienen, im Wissen darum, dass sie es nicht sein können, wurden die Ideen Kants, die Musik Wagners oder die romantische Liebe bspw. im „Werther“ Goethes zu Fetischen und auch dies im zumindest dunklen Ahnen ihrer Ersatzfunktion. So konnte beispielsweise ein Neukantianer namens Falkenfeld aus dem Schlachtengrauen des 1. Weltkrieges berichten: „Mir geht es nach wie vor gut, obwohl die Schlacht an der ich ... teilgenommen habe ... meine Ohren fast taub gemacht hat. Trotzdem ... bin ich immer noch der Ansicht, daß die 3. Kantische Antinomie wichtiger ist als dieser ganze Weltkrieg, und daß Krieg zur Philosophie sich verhält wie Sinnlichkeit zur Vernunft. Ich glaube einfach nicht daran, daß die Geschehnisse dieser Körperwelt unsere transzendentalen Bestandteile auch nur im mindesten tangieren können, und werde nicht daran glauben, selbst wenn mir ein französischer Granatsplitter in den empirischen Leib fahren sollte. Es lebe die Transzendentalphilosophie!“(4) Falkenfeld müsste nicht dermaßen auf seinen Glauben insistieren, wenn er sich sicher wäre. Kant wird ihm zum Fetisch, der Traum der Vernunft zur Realität.
Sicherlich erfuhr mit dem Aufkommen Hollywoods oder auch der Kulturindustrie insgesamt die kulturelle Rezeption einen ungeheuren Umschwung. Es ist leichter, sich Filmbilder zum Fetisch zu machen als den deutschen Idealismus, leichter, sich vor Gedichten zurückzuziehen als vor den omnipräsenten Film- und Fernsehbildern. Dennoch entbehren nicht einmal diese ganz des latenten Traumgedankens(5), jenes utopischen Überschusses, den Türcke bei ihnen vermisst (140). Sie verweisen auf ein Außerhalb ihrer, haben sie doch nicht bloß die Form des Assimilationswunsches, sondern auch einen Inhalt, auch wenn dieser so banal sein mag, wie die Sehnsucht nach einer heilen Welt. Doch so weit ist diese Sehnsucht nicht von jenem letzten Wunsch entfernt, den Türcke in der Formulierung Nietzsches „Weh spricht: Vergeh! Doch alle Lust will Ewigkeit“ als Emanzipationsgedanken dem letzten Grund des Fundamentalismus gegenüberstellt.

Abschließend noch einmal zurück zum Verhältnis von Fundamentalismus und Nihilismus. Der fundamentalistischen Verführung lässt sich nicht entkommen, indem man sich in Relativismus flüchtet, der keinerlei Wahrheit mehr zuläßt, außer eben jene, dass es keine solche gibt. Dagegen insistiert Türcke auf eine „erschütternde Gewissheit, die die Grundlagen der bestehenden globalen Vergesellschaftungsform nicht ausblendet, also die den Fundamentalismus bildenden Kräfte gerade an der Wurzel angreift“ (150)(6) Sehr nahe rückt hier der Text an die Formulierung Horkheimers, dass derjenige, der vom Faschismus reden wolle, vom Kapitalismus nicht schweigen dürfe. Allein sie fällt nicht und die Frage nach dem Zusammenhang von Faschismus und Fundamentalismus wird nicht gestellt. Wenn Türcke, noch einmal auf den 11.09.01 eingehend, schreibt, dass „Im tief Verhassten [den Twin Towers] ... auch ein geheimes Wunschbild [strahlte]“ (151), so hat er recht, doch ist dieses Wunschbild eben nicht deckungsgleich mit dem vom Bildkult der westlichen Medien dargestellten (ebd), sondern besitzt seinen pathologischen Überschuss in der Projektion der eigenen Allmachtsphantasien der Attentäter auf die als übermächtig angenommene „verjudete“ amerikanische Finanzwelt. Es ist falsch anzunehmen, dass „der „Weltfundamentalismus mit sich selbst zusammen[stieß]“ (ebd), wie Türcke behauptet, sondern Täter und Opfer sind eindeutig zu identifizieren und dieser Unterschied ist einer ums Ganze.

mele

Fußnoten

(1) Einige Gedanken wert wäre die Frage, warum sich die fernöstlichen Religionen, wie etwa der japanische Schintoismus, so viel besser mit einer genuin westlichen Lebensweise zu vertragen scheinen als der Islam.
(2) Ich hoffe, sie erhellt sich nicht dadurch, dass Türcke die Kolonisierung Palästinas, als nach der „Methode Josuas“ (Josua war der Nachfolger Moses, welcher wiederum den Exodus der Juden aus Ägypten organisiert hatte) vollzogen, charakterisiert (117). Für Türcke besteht diese Methode in der Vertreibung oder Ausrottung der vormaligen BewohnerInnen (109/110). Ausgerottet – überflüssig eigentlich dies zu erwähnen - wurden die PalästinenserInnen nicht und Vertreibungen fanden im Unabhängigkeitskrieg von 1947/48 keinesfalls flächendeckend statt.
(3) vgl. Eric Hobsbawm: Nationen und Nationalismus, Frankfurt 1991
(4) zitiert nach Rüdiger Safranski: Ein Meister aus Deutschland. Heidegger und seine Zeit. Frankfurt 1997, S. 72
(5) Die Termina „latenter Traumgedanke“ und „manifester Trauminhalt“ finden sich erläutert in: Sigmund Freud: Die Traumdeutung, Kapitel IV.
(6) Dazu wurde das Entsprechende oben schon gesagt.

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last modified: 28.3.2007