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Aktuelles Heft

INHALT #182

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Editorial
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„ …a Mala Beat is a Mala Beat is a Mala Beat is a…“
Springtoifel
Karnivool, The Intersphere
The Creator: Pete Rock & CL Smooth
Napalm Death, Immolation, Macabre
Hot Christmas Hip Hop Lounge
Paperclip Release Night
We can feel the mountains in our skin and bones
Clash of the Monsters
Weihnachts-Tischtennis-Turnier
Man overboard
Caliban
Snowshower
NYE @ Conne Island
Kritik und Ressentiment
Veranstaltungsanzeigen
Großbaustelle Conne Island
Konzertabsage Maroon
Zur Absage der Veranstaltung mit Justus Wertmüller
• doku: Vielfalt tut gut
• doku: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde
Es gibt tausend gute Gründe
Resultat einer infantilen Inquisition
Zu den Texten in diesem Heft
• review-corner film: Keeping it unreal
• doku: Sizilianische Verhältnisse
• doku: Macker, verpiss Dich!
Sind die Dichotomien unser Unglück?
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Punktsieg für den Antirassismus oder Reproduktion rassistischer Ausgrenzung?
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Keeping it unreal

„Banksy – Exit Through The Gift Shop“, UK 2010, 87 min, http://www.exit-through-the-gift-shop.de/

Street Art – war da nicht mal was? Es muss um das Jahr 2005 gewesen sein, als ein Hype ausgerufen wurde, der gerade seinem Zenit entgegensteuerte. Damals hätte eine Dokumentation über Street Art wunderbar zum Medienrummel gepasst. Aber heute? Passiert da noch etwas Interessantes? Wenn gerade Leerlauf ist, geht man halt zur Retrospektive über. Aber das muss nichts Schlechtes sein. Und zum Glück ist auf Banksy Verlass, dessen Debütfilm „Exit Through The Gift Shop“ jetzt in den Kinos läuft.
Bisher experimentierte Banksy virtuos mit verschiedenen Medienformaten und Darstellungsformen und auch dieser abendfüllende Film ist – um es vorwegzunehmen – geglückt. Das Resultat jedoch einzuordnen, gestaltet sich nicht einfach, denn für das Genre Dokumentation (als das wird der Film gehandelt) sind zu viele fiktive Einsprengsel enthalten. Andererseits wird dennoch lose ein chronologischer Faden verfolgt, der die Geschichte von Street Art erzählt. Dokumentarisch im herkömmlichen Sinn sind die Szenen, die einen Rückblick über Street Art seit Ende der 1990er Jahre liefern mit dem Schwerpunkt auf Shepard Fairey, Banksy und Space Invader. Andere Artists kommen allenfalls als Randfiguren vor, die ein paar Zitate beisteuern dürfen. Eine ausgewogene Darstellung sieht anders aus, aber so etwas wie objektive Berichterstattung sollte man von einem Banksy-Film auch nicht erwarten. Das Format dieses Films ist kein kritischer Journalismus, der mit Distanz zum Gegenstand diesen ergründen will. Banksy erzählt die Geschichte von Banksy und genauso wenig erwartet man im Werbevideo eines Konzerns ein sachliches Darlegen der Fakten. Mit dem Unterschied, dass es Banksy gelingt, im Vorbeigehen ein paar tiefergehende Fragestellungen zum Stand der Kunst aufzuwerfen. Und die Geschichte von Street Art zu dokumentieren. Und eine ganz großartige Story zu erzählen. Aber der Reihe nach.

Die Materialschlacht mit Graffiti-Videoclips bleibt auf den Vorspann beschränkt. Der Versuch, möglichst detailgetreu eine Jugendkultur mit den Mitteln der Jugendkultur abzubilden, wurde glücklicherweise nicht unternommen. Wahrscheinlich wäre eine endlose Aneinanderreihung von Interviewschnipseln und Aufnahmen nächtlicher Sprüh- und Klebeaktionen herausgekommen, gepaart mit einem Clusterbombing in Sachen Namedropping (auch diese Vision wird in einer Szene über die angeblich fertiggestellte Dokumentation vorweggenommen). Stattdessen entwickelt sich der Plot an der Figur des klischeehaften Franzmanns Thierry Guetta entlang, der einem Peter Sellers als Inspektor Clueso locker das Wasser reichen kann. Er ist die heimliche Hauptfigur des Films, ein (angeblich) in Los Angeles lebender Franzose und leidenschaftlicher Videoenthusiast, der durch Zufall abertausende Tapes mit Videomaterial seit der Steinzeit von Street Art angehäuft hat.

Der leicht tapsige, ansatzweise hyperaktive, streckenweise auch vom Ehrgeiz besessene, aber im Ganzen doch sympathische Hobbyfilmer entdeckt als Außenstehender Street Art. Nachdem sein ursprünglicher Plan, einen Dokumentarfilm über Street Art zu drehen, scheitert, wird er von Banksy animiert, selbst Street Art zu fabrizieren – und entwirft das Alter Ego „Mister Brainwash“, mit dem er die Kunstszene in L.A. trotz völliger Talentfreiheit vollständig aufrollt. Dichtung und Wahrheit auseinanderzuhalten ist dabei müßig. Interessant ist an dieser Art der Erzählung, dass beinahe nebensächlich einige essentielle Fragen aufgeworfen werden: Zum Beispiel in einer Szene, in der Banksy und Shepard Fairey zum Erfolg von Mister Brainwash interviewt werden und Banksy sich sinngemäß vorwirft: „Ich habe geholfen, diesen untalentierten Künstler auf die Bühne zu holen – sollte denn wirklich jeder die Welt mit Kunst überfrachten?“ Hier wird nach den Grenzen der Idee „jeder kann Künstler sein“ gefragt. Die Kunstfigur des Mister Brainwash belegt eine bestehende Grenze: miese Kunst. Die umgekehrte Frage lässt sich dagegen nicht beantworten: Warum es Banksy im wirklichen Leben zum Status des Künstlergenies geschafft hat, bleibt rätselhaft. Im Nachhinein lassen sich alle Fakten so auslegen, dass es genau so kommen musste, und man kann erläutern, was gerade Banksy von vielen anderen Namenlosen unterschied. Im Gegensatz zur immerwährenden Neuerfindung von Banksy ist die Langeweilekunst des Mister Brainwash Magie ohne Magie: Sie funktioniert nicht und wirkt dadurch reichlich albern.

Und so muss aus Sicht der ersten Street Artists der Boom vor fünf Jahren ausgesehen haben: Auf einmal tauchten massiv Kunstwerke auf, die alle bereits wie Street Art aussahen. Die Macher des Films müssen einen Heidenspaß damit gehabt haben, als Persiflage auf den Wirbel um Street Art unglaublich belanglose Kunst und einen untalentierten Künstler zu schaffen – in Gestalt des Mister Brainwash, dessen Werke wie eine exakte Schnittmenge aus Andy Warhol, Banksy und Obey anmuten und die ohne einen Funken Originalität auskommen. Kunst ist dabei reduziert auf das Imitieren einer bestimmten Technik. Charmant bleibt der Film an dieser Stelle dadurch, dass hier niemand auf eine Abrechnung aus ist: Thierry Guetta ist keine hassenswerte Figur, sondern ein ziemlich durchschnittlicher Typ; getrieben von seinen Marotten und fixen Ideen, weder knallharter Ausbeuter noch berechnender Mitläufer. Und genau das ist die Entstehungsgeschichte von Scheiße nach Banksy. Es ist nicht Bösartigkeit oder Gewinnstreben, sondern eine Verkettung von Zufällen gepaart mit einer Überdosis Sendungsbewußtsein bei gleichzeitig unterdurchschnittlicher Begabung, die den Erfolg von Thierry Guetta ausmachen.

Entscheidend wäre aber eine andere Frage: warum ausgerechnet die (pseudo-) dokumentarische Form der Darstellung und was heißt Wahrheit in dem Kontext? Schließlich werden ganz unbekümmert Fiktion und Wirklichkeit vermischt. Im Fall des polnischen Reporters Ryszard Kapuscinski kam es nach dessen Ableben nach einer biografischen Buchveröffentlichung zu einem Skandal, als ihm unter anderem das Hinzudichten von Fakten unterstellt wurde. Dabei bezog sich Kapuscinski selbst ganz gerne auf Herodot von Halikarnassos, der es mit der Wahrheit auch nicht so genau nahm und trotzdem als Urahn der Geschichtswissenschaften in der Antike gilt. Zu Herodots Zeiten war eine Trennung von wissenschaftlichem Schreiben, Journalismus und Dichtung noch nicht herausgebildet – in der Mitte der 20. Jahrhunderts schien man hingegen ziemlich präzise Vorstellungen von der Trennung dieser Bereiche zu haben (die Causa Kapuscinski entspann sich aus diesen Maßstäben). Und möglicherweise weicht heute diese Trennung wieder auf. Vielleicht war Kapuscinski im Unterschied zu Banksy auch nur im falschen Bereich tätig. Die Erwartungshaltung an ihn war eine andere, obwohl er die Basis seines Reportagenstils offen gelegt hatte. Einem Michael Moore dagegen wurde kaum zur Last gelegt, dass er seine Filme als Dokumentationen bezeichnete – und mit seiner Masche, insbesondere durch „Bowling for Columbine“, dem damals darbenden Dokumentationsfilm zu neuem Auftrieb verhalf. Oder war seine Polemik so offensichtlich, dass zumindest in den USA die Intention dieser Filme als politische Windbeutelei interpretiert und damit nicht ernst genommen wurde? Dokumentationen und Reportagen changieren immer zwischen Unterhaltung und einer Darstellung von Fakten.

Und bei „Exit Trough The Gift Shop“ dürfte die Erwartungshaltung kaum mit der an einen neutrale Darstellungsform vergleichbar sein, zumal noch der Comedy-Faktor hinzu kommt. Insofern fallen hier auch einige offene Fragen nicht ins Gewicht. Denn woher das gezeigte Filmmaterial stammt und welche der Szenen gestellt sind, ist oft nicht klar.

Auch das Festhalten der realen Ereignisse via Kamera wurde schon vor Jahren mit voller Absicht geplant. Banksy (oder die Figur, die uns als Banksy vorgestellt wird) meint, dass bei einer flüchtigen Kunstform wie Street Art die Dokumentation der temporären Werke wichtig sei, und man das damals erkannt habe (schließlich existieren auch von einigen Banksy-Aktionen gefilmte Zeugenschaften). Die Kamera diente hier also als Hofberichterstattung, um die heroischen Taten für die Nachwelt festzuhalten. Ganz so postironisch ist Banksy also doch nicht, wenn es um die eigene Kunst geht, denn er verfolgt zielstrebig seine Markenkommunikation. Dass ebendies seinen linken Fans nicht früh aufgestoßen ist, liegt wohl in der Lässigkeit, mit der Banksy sich feilbietet: um Geld sei es ihm nie gegangen. Knietief in der cool economy, wo man selbstverständlich nur aus Spaß arbeitet. Andererseits macht ihn das immun gegen eine ideologische Verbrämung seiner Kunst. Den moralischen Zeigefinger für die Hungerkinder aus Gaza zu heben, war nie Banksys Sache, was die kurzen Einblendungen seiner Arbeiten an der Mauer zur Westbank 2005 belegen.
Im Unterschied zu den Projektionen von Israelhassern aller Couleur ist hier weniger die politische Intention ausschlaggebend – die Arbeiten werden im Film als ein Sprungbrett auf dem Weg zur weltweiten Bekanntheit gezeigt – Banksy nutzte die mediale Berichterstattung für eigene Zwecke.

„Exit Trough The Gift Shop“ liefert im besten Sinn gute Unterhaltung – und ist eigentlich ein Film über Thierry Guetta. Mit ihm mitzufiebern erinnert an die Truman Show. Und der Gute-Laune-Faktor an „This is Spinal Tap“. Mockumentary at it`s best. Dazu kommt der abwechslungsreiche Soundtrack von Portishead-Mastermind Geoff Barrow, der die Geschwindigkeit der Geschichte maßgeblich reguliert mit seiner Melange aus Movie Score, instrumentellem HipHop, knarzigem Electro und Drum`n`Bass.

Banksy arbeitet mit dem Film weiter am eigenen Mythos. Etwas anderes wäre auch kaum denkbar gewesen. Und gerade dieses „Keeping it unreal“, in keiner Dimenension authentisch sein zu wollen, macht Banksys Methode aus. Die Realität dient Banksy als Material, das er nach Belieben verformt – seien es Telefonzellen, Mauern, Elefanten oder Dokumentarfilme. Und ihm dabei zuzusehen ist äußerst vergnüglich. Fast möchte man wie der Protagonist Guetta nach Worten ringend Banksy huldigen. Wahrscheinlich würde man aber auch nur wie er eine luftschnappende Aneinanderreihung von Worten fertigbringen.

unkultur Blog

30.11.2010
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