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Aktuelles Heft

INHALT #181

Titelbild
Editorial
• das erste: Was die LVZ Sonntagabend vom Tatort lernen könnte...
Fear and loathing im Moseltal
Runes, Hang the Bastard, Coldburn
65daysofstatic
Einen aufs Haus
MODESELEKTION Vol. 1
Shrinebuilder
Pantéon Rococó
Blood Red Shoes
„Trilingual Dance Sexperience“
dd/mm/yyyy, Women, Baths
»You are stronger than you think«
»Freunde im Groove«
Casper
Rise and Fall, Nails, Harms Way
Winds of Plague u.a.
Veranstaltungsanzeigen
• kulturreport: Campy Panzerluft und antisemitischer Kitsch
• ABC: G wie Gewalt
• review-corner film: Jud Süß – Ein Film ohne Anspruch
Linker Irrtum, schwerer Irrtum
Konzentriertes Ressentiment
Das ist doch alles nicht so einfach...
• doku: Oben bleiben. Weiter gehen.
• doku: Auf einer Skala von eins bis zehn: Wie Scheiße ist Deutschland?
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• das letzte: Viel Spaß für wenig Geld

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Das ist doch alles nicht so einfach...

Zu: Das Erste: Linke Sprache, schwere Sprachen

Die Homogenität der „Leipziger Linken“

Die Unterrepräsentanz von MigrantInnen und Leuten nichtweißer Hautfarbe, die LS attestiert und Hannes aufgreift, nehme ich auch wahr. Die nachgestellten Erklärungen beider beruhen auf einem Trugschluss bei der Interpretation kausaler Zusammenhänge statistischer Erkenntnisse. Deshalb kann die tatsächliche Antwort auf die Frage nach dem Warum nur lauten: Aus dem tatsächlich komplexen sozialen Gefüge resultieren verschiedene Milieus, die sich hinsichtlich ihrer Alterszusammensetzungen, Einkommensstrukturen, sozialen Status, Bildungshintergründe etc. statistisch beschreiben lassen. Die Linke fällt nun aber eher durch eine hohe AkademikerInnen- und AbiturientInnenqoute, einen hohen Anteil an Leuten aus Vorstädten und/oder gutbürgerlich situierten Familien oder eine große Anzahl an LeserInnen geisteswissenschaftlicher Werke auf. Dass diese Katalysatoren für das sich Einfinden in linken Zusammenhängen bei MigrantInnen eher seltener zu finden sind und somit auch die Schnittmenge mit linker Szene klein bleibt, ist hier völlig klar. Auch total egal bleibt dabei der Linguistic Turn, er wirkt sich nicht auf die Situation von MigrantInnen aus und geht denen salopp gesagt auch meistens ziemlich am Arsch vorbei.
Zum Begriff „Bürger_in mit Migrationshintergrund“, der in der Linken kursiert, kann ich nur anmerken: Ich verwende diesen Begriff nicht und stehe ihm eher ablehnend gegenüber, denn er ist ein Ordnungskriterium, um Migration statistisch zu erfassen, als Begriff untauglich und oft unklar und bleibt die Erklärung schuldig, warum ich als Nachkomme eines Einwanderers jetzt auch erfasst werde. Schlicht von MigrantInnen, besser noch ImmigrantInnen zu sprechen war in meinen Augen nie problematisch.

So gibt das Statistische Bundesamt in „Bevölkerung mit Migrationshintergrund – Ergebnisse des Mikrozensus 2005 – Fachserie 1 Reihe 2.2 – 2005“ zu bedenken: „Dabei wird das Phänomen Migration durch das Konzept der „Bevölkerung mit Migrationshintergrund“ konkretisiert. Dieser Begriff ist in Wissenschaft und Politik seit langem geläufig und wird trotz seiner Sperrigkeit auch im allgemeinen Sprachgebrauch immer öfter verwendet. Er drückt aus, dass zu den Betroffenen nicht nur die Zuwanderer selbst – d.h. die eigentlichen Migranten – gehören sollen, sondern auch bestimmte ihrer in Deutschland geborenen Nachkommen. Allerdings sind sich die verschiedenen Quellen keineswegs einig, ob alle Zuwanderer und alle Nachkommen einzubeziehen sind, oder wenn nicht, welche Kriterien zur Abgrenzung der Einzubeziehenden heranzuziehen sind. In der Mehrheit der Fälle lassen die Quellen den Begriff sogar vollständig undefiniert. Im Mikrozensus kann der Migrationshintergrund ohnehin nur synthetisch, d.h. als abgeleitete Variable bestimmt werden, da es aus naheliegenden Gründen nicht möglich war, den Betroffenen die Frage zu stellen „Haben Sie einen Migrationshintergrund, und wenn ja, welche Ausprägungsform?“ In der Bestimmung der abgeleiteten Variablen konnten überdies auch nur die erhobenen Informationen Berücksichtung finden.

Definitorische Abgrenzung

Bei der Bestimmung wurden die Angaben zur Zuwanderung, zur Staatsangehörigkeit und zur Einbürgerung verwendet; diese liegen für den Befragten und für seine beiden Eltern vor. Dadurch lässt sich nicht nur der Migrationshintergrund bestimmen, sondern die Menschen mit Migrationshintergrund lassen sich noch weiter untergliedern. Dabei galt es als wünschenswert, wo immer möglich, jene Personengruppen identifizierbar zu erhalten, die seit jeher in der amtlichen Statistik mit Bezug auf Migration genannt werden, wie z.B. Ausländer, Eingebürgerte, Vertriebene, Aussiedler, Spätaussiedler oder Asylbewerber. Ebenso galt es als zweckmäßig, die Definition so umfassend wie nötig und so eng wie möglich zu gestalten. Berechtigte Fragen sollten nicht deshalb unbeantwortet bleiben müssen, weil die betroffenen Bevölkerungsgruppen „hinausdefiniert“ wurden, andererseits sollten auch nur jene Menschen eingeschlossen werden, bei denen sich zumindest grundsätzlich ein Integrationsbedarf feststellen lässt. Es war von Anfang an erkennbar, dass sich nicht alle Anforderungen gleichzeitig erfüllen lassen würden.

Das N-Wort(1) und andere Anstößigkeiten

Der Sprech vom Farbigen ist problematisch. „Farbige“ impliziert: „Es gibt da uns, die Gewöhnlichen, sog. Weiße, die sich nicht als solche wahrnehmen, und noch die anderen, Farbigen (das meint nicht-Weiße).“ Wenn jemand jetzt auch vermeidet von „Schwarzen“ o.ä. zu sprechen, dann halte ich das für OK. Es ist halt die persönliche Entscheidung im Sprachgebrauch, auf Hautfarbe und damit das ständige darauf-aufmerksam-Machen zu verzichten, es sollte m.E. aber auch keine Norm darstellen. Darauf Rücksicht zu nehmen, dass niemand dauerhaft und stetig, sofern sie/er eine hat, auf seine Hautfarbe aufmerksam gemacht werden will, ist völlig in Ordnung. Das verkorkste Beispiel der Diskosituation heranzuziehen find ich jetzt nicht so gut. Die Schlussfolgerung lässt sich nämlich auch drehen, denn es zeigt natürlich die Schwierigkeiten eines überkorrekten Sprachgebrauchs, zugleich aber auch, dass Hautfarbe selbst als rein visuell wahrgenommene Eigenschaft so vorrangig wird, das jede sonst akkurate Beschreibung, die darauf verzichtet Hautfarbe zu benennen, unbrauchbar wird. Und das ist sicherlich nicht unproblematisch.
Die Behauptung, das N-Word kann herzlich gemeint sein und auch so aufgenommen werden, kann tatsächlich zutreffen. Wenn jemand aufgrund seiner Hautfarbe z.B. als N bezeichnet wird, empfinde ich das persönlich irgendwo immer als rassistisch bzw. rassifizierend. Selbst wenn sie oder er jetzt dabei mithilft, es gibt auch Frauen, die mit dem Hintern wieder einreißen, was andere in Jahren erkämpft haben und täglich erkämpfen. Ist halt kein Vorwurf, der jetzt diese Leute als Kollaborateure hinstellen soll. Alle sind irgendwo und irgendwie erzogen und sozialisiert und benehmen sich dann dementsprechend, das kann aber für andere ziemlich scheiße sein.

Jauchzen, Jubel, Schimpfen?

Zum Schimpfworttabu ist zu sagen, dass niemand irgendwo hingeht, weil dort die für ihn üblichen Schimpfwörter geduldet sind. Und niemand geht wohin, weil dort energisch versucht wird, diskriminierenden Sprachgebrauch zu vermeiden. Wer Fußball spielen will, geht zum örtlichen Fußballklub, und wer linke Politik machen will, halt zur jeweiligen „Linken“.
Davon abgekoppelt sind Schimpfwörter und deren intensive Verwendung in vielen Fällen eng mit einer real erlebbaren Gewaltproblematik verbunden, die oft nicht auf verbale Entgleisungen begrenzt ist, sondern sich zum Teil in physischen und anderen psychischen Übergriffen äußert. Es rückt das Problem der political correctness in weite Ferne, wenn ich daran denke, dass die Gemeinten sich ernsthaft aufs Übelste beschimpfen. Die haben halt reale Probleme, gegen die die Forderung nach politisch korrektem Sprech wie ein Luxus wirkt bzw. ein Problem anderer Leute ist. Das behält aber auch seine Berechtigung, denn alle empfinden das halt in Abhängigkeit von ihrer Situation unterschiedlich. Das der „linguistic turn“ vielen Menschen aber völlig unbekannt bleibt, liegt daran, dass es denen mit gutem Recht total egal ist, wie man sie bezeichnet oder ob sie nun mitgenannt bzw. -gemeint sind.
Sich in Affektkontrolle zu üben, heißt sich der eigene Sozialisation und Erziehung bewusst zu sein und über diese hinaus zu denken und zu handeln. Das kann schwer fallen und bedarf gewisser Anstrengung, ich sehe dennoch nicht, dass dies ein Plädoyer dafür sein kann, sich darauf auszuruhen, wie einer/einem der Schnabel gewachsen ist, womit ich nicht anerkenne, dass es ein hinreichendes Argument dafür sei, die Forderung nach politisch korrektem Sprachgebrauch zu überprüfen oder gar zu negieren. Schnäbel wachsen erst wirklich anders, wenn sich auch das Bestehende anders verhält, denn sonst stolpern wir von einer Euphemismus-Tretmühle in die nächste, denn wir denken halt nicht in Worten, sondern in Begriffen, deren negative Konnotation bleibt. Keine Sprache kann damit irgendwie Bestehendes zum Guten ändern, aber dessen Auswirkungen zum weniger Schlechten. Es macht halt manche Leute (un)froh.Außerdem sensibilisiert die Sensibilisierung der Gesellschaft für das Dilemma des generischen Maskulinums, welches sprachhistorisch gewachsen ist und als Form Ausdruck des binären Geschlechterverhältnisses ist, zugleich in Anbetracht dessen, was Sprache ist, für die patriarchale Verfasstheit eben der Gesellschaft, aus der sie erwächst.

Die Nachteile an der Sache mit dem _In

Der Kritikpunkt am Gendern, es stelle die geschlechtliche Identität in den Vordergrund, ist berechtigt, ich sehe das aber als in Anbetracht einer Männliches als Norm abbildenden Sprache als das kleinere Übel. Das zum Beispiel Fachbereiche von LehrerInnen nicht so energisch unterschieden werden, liegt sicherlich lediglich daran, dass die LehrerInnen dieser Fachrichtungen sich nicht in einem gewaltförmigen Herrschaftsverhältnis gegenüberstehen. Niemand wird aufgrund der Fächer, die sie/er unterrichtet, Opfer von Diskriminierung oder sogar Gewalt. Deswegen ist die Frage danach einfach nur völlig absurd. Die ständige Benennung der Geschlechteridentität oder besser das explizite (mit)Nennen der nicht-männlichen ist wichtig, um die biologistische Unterstellung, unsere Spezies sei in zwei Typen, nämlich männlich und weiblich, eingeteilt, deutlich zu machen und ihrer Wirkungsmächtigkeit Rechnung zu tragen, also auch diejenigen zu nennen, für die vorgesehen war, nicht genannt zu werden. Es kommuniziert nicht Geschlechterteilung und läuft damit nicht dem dekonstruktivistischem Gedanken entgegen, sondern untergräbt die Idee von Geschlecht, die Mann und Frau kennt, wobei Mann die Norm und alles andere nicht erwähnenswert und -würdig sei.
Die 20-jährige mit „Piepsstimme“ (tief und brummig sollte sie sein!?) empfinde ich nicht als albern, sondern als Ressentiment. Weiterhin ist mir schleierhaft, was die hier konstruierte Emanzipationshierarchie, herangezogen um ihrem Einwand die Berechtigung zu nehmen, zu suchen hat. Zu behaupten, eine 20-Jährige habe einer 50-jährigen nichts zu sagen und dürfe ihre Befindlichkeiten nicht äußern sowie etwas einfordern, weil die Ältere ihren Mann raus gehauen hat, selbstbewusst auftritt und ihrem Chef die Meinung geigt, ergo emanzipierter sei, ist eher fragwürdig als schlüssig.

Das Scheitern der politisch korrekten Bezeichnungen

Es ist nicht gültig, den Betroffenen komplett abzusprechen, die mit Sprache verbundenen Unterdrückungsmechanismen als Leid zu empfinden und berechtigt zu sein, vehement dagegen wirken zu wollen, stattdessen sogar vorzuschlagen, sich doch mal um „die wirklichen, richtigen“ Probleme zu kümmern und die Wurzeln anzupacken. Political Correctness in der Sprache wird niemals die Verhältnisse ändern, sondern bleibt Umgangsform und auch -norm in einer Linken, irgendwie doch auch ein Szeneding und einigen Leuten halt wichtig. Ob die nun kapieren, dass es dem Kapital gleich ist, was sich die doppelt Freien jetzt untereinander an den Kopf knallen, ob und welches Geschlecht sie haben oder ob jetzt auch ein morgentlicher, viertelstündiger Eiertanz irgendwo zum guten Ton gehört, ist halt auch deren Problem. Vielleicht interessieren sich einige dieser Menschen, außer vielleicht attitüdenhaft und stylegemäß auch gar nicht dafür, dass der ganze Laden (so nenne ich ihn irgendwie ganz gern) mal vernünftig wird. Warum dann aber die Vehemenz? Weil es viele Menschen mit Diskriminierungserfahrungen gibt, aber auch andere, die das einfach ankotzt. Dazu gehört eben eine Sprache, in der sich diese Verhältnisse manifestieren und die diese Verhältnisse reproduziert und manifestiert. Das auf das bloße Bedürfnis zu reduzieren, sich in der Sprache einen Szenecode schaffen zu wollen, ignoriert Unterdrückungserfahrungen und die Idee der (Wieder-)Aneignung, die dahintersteht. Das Problem ist nicht die Forderung in linken Zusammenhängen nach einer nichtdiskriminierenden und -unterdrückenden Sprache, sondern Negation und Kleinreden von Unterdrückungs- und Diskriminierungspraxen durch Menschen, die aufgrund ihrer Zugehörigkeit zur hegemonialen Gruppe („männlich, weiß, hetero, in gutbürgerlichen Verhältnissen aufgewachsen...) diese weder erleben noch wahrnehmen.

Ferrand

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Anmerkungen

(1) Besonders in Medien und Inhalten der pop. Kultur üblicher Ausdruck um dem Begriff „Nigger“ eine Bezeichnung zu verleihen.

25.10.2010
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