Mo Di Mi Do Fr Sa So 
00 00 00 00 0102 03 
04 05 06070809 10 
11 12 13 14 1516 17 
18 19 20 21 22 23 24 
25 26272829 30 31

Aktuelle Termine

CEE IEH-ARCHIV

#172, Januar 2010
#173, Februar 2010
#174, März 2010
#175, April 2010
#176, Mai 2010
#177, Juni 2010
#178, Juli 2010
#179, September 2010
#180, Oktober 2010
#181, November 2010
#182, Dezember 2010

Aktuelles Heft

INHALT #177

Titelbild
Editorial
• das erste: Deutschland-Fans auf die Partymeilen!
Mikro Island
Motorpsycho
Break it back
MITTE04
Dead Western, Bombee
Myra
levenshulme bicycle orchestra
Benefizdisco
Summer BreakZ
Snapcase
Haare auf Krawall
Veranstaltungsanzeigen
• ABC: S wie Surrealismus
• review-corner buch: „Ich ficke, mit wem ich will!“
• review-corner buch: Michael Schwandts Einführung in die Kritische Theorie
• kulturreport: Adorno, der Jazz und ungarische Schnulzen
Nie wieder Antira!
• doku: Vom Fragment der Erinnerung zum Geschichtsbild
• sport: Aliens in der Bezirksklasse
Anzeigen
Fritz Bauer - Death by Instalments
• das letzte: Deutsches Klima

LINKS

Eigene Inhalte:
Facebook
Fotos (Flickr)
Tickets (TixforGigs)

Fremde Inhalte:
last.fm
Fotos (Flickr)
Videos (YouTube)
Videos (vimeo)

Die Initiative „Geschichte vermitteln“ des Conne Island führte im letzten Jahr das Projekt „Geschichtsbilder jüdischer Migrant_innen aus der ehemaligen Sowjetunion in der BRD und in Israel“ in Leipzig und Tel Aviv durch. Im Januar 2010 wurde die gleichnamige Broschüre des Projektes in Leipzig veröffentlicht. Aus dieser Broschüre wurde der Text: „Vom Fragment der Erinnerung zum Geschichtsbild“ ausgewählt, um ihn an dieser Stelle zu dokumentieren. Die komplette Broschüre findet sich auf der Homepage der Initiative unter http://geschichtsbilder.tk.
Die Initiative arbeitet aktuell an einem Projekt zur Geschichte der Sinti und Roma in Leipzig. Interessierte können sich bei uns gerne unter geschichte@public-ip.org melden.



Vom Fragment der Erinnerung zum Geschichtsbild

Geschichtsbilder

Geschichtsbilder sind nicht die bloßen Abbildungen oder Beschreibungen von Ereignissen der Vergangenheit oder die Erinnerung daran. In Anlehnung an Francis Haskells Die Geschichte und ihre Bilder sind sie als Metaphern für Vorstellungen und Deutungen der Vergangenheit zu verstehen, denen eine Gruppe von Menschen Gültigkeit zuschreibt. Diese Vorstellungen sind zumeist an Familiengeschichte und kollektive Erfahrungen geknüpft. Zugleich schafft die Zuschreibung von Bedeutung, also die Konstruktion einer bestimmten Perspektive auf geschichtliche Ereignisse, ein neues identitätsstiftendes Moment in der Gegenwart. Ebenso lenken Geschichtsbilder nach Lucian Hölscher in Kontinuität und Wandel „unsere politische und soziale Wahrnehmung, subsumieren gegenwärtige Erlebnisse unter ‚historische Erfahrungen` und werden so letztlich selbst zu politischen Faktoren des künftigen Geschehens“.
Geschichtsbilder entstehen also im Wechselspiel zwischen Erinnerung und gegenwärtiger Sinngebung. Subjektive und kollektive Erfahrungen werden in einen übergeordneten historischen Kontext eingebettet und so zum Baustein einer kollektiven Identität. Entsprechend ihrer Bedeutung für die persönliche und kollektive Gegenwart werden so verschiedene Aspekte in den Kanon der Erinnerungen und damit das Geschichtsbild einer Gruppe von Menschen übernommen.

Die Interviews mit jüdischen Migrant_innen aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion (SU) bieten in diesem Zusammenhang wertvolle Fragmente, aus denen in der analytischen Betrachtung ein Geschichtsbild destilliert werden kann. Im Folgenden soll versucht werden, wiederkehrende Motive in den subjektiven Erinnerungen herauszustellen und sie mit dem offiziellen Geschichtsbild in der SU ins Verhältnis zu setzen. Es bietet sich zugleich eine bislang unterrepräsentierte Perspektive auf die jüngere jüdische Geschichte in Osteuropa.

Eine besondere Spannung bei der Beschäftigung mit den Erfahrungen und Familiengeschichten von Jüdinnen und Juden aus der ehemaligen SU ergibt sich durch einen offensichtlichen und gegenwärtigen Bruch der Konstruktion von Geschichtsbildern. Hölscher (1998) benennt dies als die „Depotenzierung bestehender Geschichtsbilder durch neue historische Erfahrungen“. Diese ergab sich ohne Zweifel aus der einsetzenden Perestroika bis hin zum Zerfall der SU. Der bis dahin dominierende Widerspruch zwischen der offiziellen sowjetischen Politik und dem mehr oder minder verdeckten jüdischen Leben wirkt bis in die Gegenwart nach (vgl. „ Jüdinnen und Juden in der UdSSR von 1941 bis 1990“).

Motive der subjektiven Erinnerung jüdischer Migrant_innen als Grundlage eines kollektiven Geschichtsbildes

Erinnerung an die Shoah

Ausnahmslos ist der Holocaust das einschneidendste Ereignis in den Familiengeschichten aller Interviewten. Die ehemals großen Familien wurden zumeist bis auf wenige Angehörige ausgelöscht: „My grandparents, my uncles, my aunts... all of them perished in the Holocaust ...“ (Nurit Jakobson)
Entsprechend schwer fällt es diese Erfahrung mitzuteilen: „Oh, das ist sehr schwer, darüber zu reden. Ich hab niemanden mehr. Keinen Großvater, keine Großmutter. Sie sind alle in Konzentrationslagern umgekommen. Meine Mutter ist in den Wald geflüchtet […] das ist der einzige Grund warum sie überlebte.“ (Milana Reuven Chalfin)
Möglichkeiten der Ermordung zu entgehen, boten sich fast ausschließlich durch Evakuierung, durch Verstecken oder durch das Kämpfen in der Roten Armee. So berichtet Frau Beljajewa über ihre Familie: „Meine zweite Großmutter […] wurde auch evakuiert Anfang 42, nach Kasachstan und dort ist [sie] auch [bis] Anfang 45 geblieben.“ (Alisa Beljajewa)
Frau Jakobson ist eine pädagogische Mitarbeiterin in Yad Vashem. Sie verweist auf die Bedeutung der Evakuierungen: „The contribution of the Soviet evacuation to the East to the rescue of the Jews [...] this is a big issue in my seminar. We are making a research of the evacuation. The circumstances of everyday life in the evacuation, how difficult it was to be evacuated ...“ (Nurit Jakobson).
Darüber hinaus kämpften viele Jüdinnen und Juden in der Roten Armee. „My grandfather, he was a soldier in the Red Army. He was in a special unit [...] they [used] special equipment to fight in snow.“ (Dima Kaplan).
Im Bezug auf die jüdische Gemeinde in Dresden meint Frau Beljajewa: „Ja, die Geschichte ist präsent, weil wir haben auch Gemeindemitglieder, die gekämpft haben in sowjetischer Armee.“ (Alisa Beljajewa).
Diese Erfahrung ist jedoch nur teilweise im kollektiven Gedenken verankert. Zum Beispiel führt Frau Jakobson aus: „... many books up till now in Russia don't know the contribution of the Jews to the Victory, to the big victory of the Red Army. How many full heroes were among the Jews. The Jews played fourth role after the Russian, Ukrainians and Belorussians. [...] I mean, the heroism stories in the Red Army, it's very important!“ (Nurit Jakobson)
Während ihrer Seminare begegnen ihr häufig Teilnehmer_innen mit Erstaunen, zu unbekannt ist der jüdische Beitrag zum Sieg der Roten Armee und zu fest die Annahme ‚Juden kämpften nicht` (Nurit Jakobson).

Bis auf wenigen Ausnahmen berichten alle Interviewten, dass innerhalb der Familie sehr wenig über die Shoah gesprochen wurde. „Wir haben schon gewusst: das war Krieg usw. Was schon geschehen mit Juden – wir haben das nicht gewusst. Unsere Eltern haben uns gehütet.“ (Anna Iljin)
Ähnliches führt auch Riva Matook aus: „... my parents didn`t talk about the Holocaust. I always felt guilty because they didn`t talk.“ (Riva Matook). Und dieses Phänomen setzt sich teilweise in die nächste Generation fort: „Nein. Wir reden mit unseren Kindern nicht darüber. Sie kennen das aus der Schule. Ich selber war ja nicht im Krieg. Ich weiß auch nicht viel.“ (Jakow Chalfin).
Während ihrer Arbeit in ihrer Gemeinde ist auch Alisa Beljajewa oft damit konfrontiert: „Wenn ich die Formulare bei der Gemeindeeintritt ausfülle und frage nach Großmutter, dann kriege ich sehr oft Antwort: ‚Ich weiß es nicht, ich weiß es nicht.` Weil meine Mutter, zum Beispiel, meine Mutter hat darüber nie gesprochen wie meine Großmutter hieß. Sie schwieg. Das wars. Und dann ganze Generationen, ganze Vorgeschichte ist verloren. Die Familien wurden erlöscht, das wars. [] viele Kinder wissen überhaupt nie was mit Familie war.“ (Alisa Beljajewa).
Als Ausnahme aller von uns Interviewten berichtete Frau Jakobson von der Allgegenwart der Shoah in ihrer Familie: „My mother told me the story of the Holocaust since I was a little child. So, actually I`m typical second generation because I was growing up on the stories of the Holocaust.“ (Nurit Jakobson).

Wie im Artikel Jüdisches Leben in der UdSSR von 1941 bis 1990 detailliert ausgeführt wird, fand die Shoah im offiziellen Gedenken keine Berücksichtigung. Die jüdischen Opfer wurden den zivilen Kriegsopfern der Sowjetunion zugerechnet. Die Judenvernichtung fand lange Zeit keine offizielle Erwähnung. Die Diskrepanz zwischen offiziellem Gedenken und der Familiengeschichte führt die ehemalige Geschichtslehrerin Anna Kopajew aus: „In der Sowjetunion war es so, dass sowohl in Schulen als auch in Universitäten die Shoah überhaupt gar nicht thematisiert wurde. Und aus meiner persönlichen Familiengeschichte zog ich keine Schlussfolgerungen, dass es sich um die Shoah und etwas Großes handelt. Ich wusste, das war meine Familie, ich wusste auch von anderen Familien, wo so etwas geschehen ist, aber für mich waren das so Einzelfälle, weil die Deutschen, die Faschisten die Juden hassten. Die Vermittlung des Wissens lief in der Sowjetunion mit der Betonung auf dem Großen Vaterländischen Krieg [...]“ (Anna Kopajew).
Dies hatte Auswirkungen auf das Geschichtsbild der sowjetischen Jüdinnen und Juden sowie deren Kinder. Bezogen auf das Gedenken in Russland führt Herr Kaplan aus: „27 million Russians or Russian citizens died in this war. They don't give a **** about this 6 million Jews […] its not so important to them and part of those 27 million are Jews of cause, like Russians, Ukrainians, Belorussians. […] I heard about the concentration camps, but not in the context of Jews but in the context of Russians ...“ (Dima Kaplan).

Gelegentlich scheint in den Interviews ein Detail auf, dass in den individuellen Erinnerungen teilweise überliefert wurde, aber erst seit der einsetzenden Perestroika in der Öffentlichkeit verhandelt wird: die Beihilfe zum Judenmord. „Mein Großvater versteckte sich bei weißrussischen Bekannten, 3 Jahre lang. Vor Einmarsch der Roten Armee wurde mein Großvater von einem Einwohner – ein Polizeimitglied – erschossen.“ (Nina Schtschukin) Durch neuere Dokumentationen ins Bewusstsein gerufen, bemerkt Julia Reisman: „Früher gab es die Vorstellung, dass der einzige Feind während des Krieges Deutschland war. Das hat sich jetzt geändert, da vielmehr Informationen zugänglich sind. Erst nach und nach erfuhr ich, dass auch bei uns die lokalen Einwohner an den Verbrechen gegen die Juden beteiligt waren.

Der Große Vaterländische Krieg

Im gegenwärtigen Umgang mit der Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg werden die Auswirkungen verschiedener Geschichtsbilder deutlich. Innerhalb der jüdischen Gemeinden in Deutschland und in Israel gab es z. T. harte Diskussionen über das Gedenken. Wie bereits erwähnt, verbindet sich die Erinnerung an die Shoah für viele Jüdinnen und Juden aus der ehemaligen SU untrennbar mit dem Großen Vaterländischen Krieg. „The Jewish holocaust as it was was a side event [...] in the Russian Sovjet history. […] when I speak with my grandfather or my grandmother about it, what happened there, they are really attend to combine the two events together, so, they don't attend to speak about it in different ways. It was the Holocaust and the Second World War, or the Great Patriotic War.“ (Lew Chuchman).
Viele Jüdinnen und Juden, die nach Deutschland kamen, fühlten sich vorwiegend nicht als Opfer der Shoah „sondern als Teil der Siegermächte, als Teil der Roten Armee, z. B. der Großvater meiner Frau war Soldat im Zweiten Weltkrieg, hat auch Tausend Orden und hat sozusagen die Nazis besiegt“ (Chaim Agnon).
Die Auseinandersetzungen innerhalb der jüdischen Gemeinden in Deutschland fasst Agnon wie folgt zusammen: „Wenn man in der Sowjetunion in 'ne Synagoge geht, am 8. Mai, dann findet in der Synagoge eine Zeremonie statt zum Gedenken. Und dann kommen die mit ihren Uniformen und ihren Orden und im Eingangsbereich hängen Bilder von Gemeindemitgliedern in ihrer Soldatenuniform vom Zweiten Weltkrieg, weil das der Stolz der Gemeinde ist. Weil die haben die Nazis besiegt. Und es kommen natürlich diese ehemaligen Soldaten der sowjetischen Armee nach Deutschland und denken: ‚naja. hier auch! Wir möchten hier auch am 8. oder 9. Mai 'ne Zeremonie machen in der Gemeinde, auch mit Uniform usw.` Und jetzt kommen die Alteingesessenen in Anführungsstrichen, die auch nicht so alteingesessen sind und sagen: ‚nein, nein. Das ist zu militaristisch. Ja, das passt nicht und das funktioniert auch nicht so.` Das heißt diesen Konflikt hat man eigentlich in allen jüdischen Gemeinden gehabt.

Auch in Israel gab es durch die große Anzahl von Migranten_innen einen Wandel in der Bewertung der Roten Armee: „It also changed in Yad Vashem and in Israel the contribution of the Red Army to the rescue of the inmates of the concentration camps and death camps. [...] now, we actually restore the proper value, it was historically. It's much more objective now. Much more objective, we learn about the contribution of the Red Army to the end of the Holocaust. To the rescue of the victims. [...] And all the history books in Israel are changed as a result of it, of this aliyah, of this immigration.“ (Nurit Jakobson). Um Aspekte der Erinnerung der Immigrant_innen erweitert, änderten sich das Geschichtsbild und die Erinnerungskultur in Israel. So wurde z. B. auf dem Mount Herzl neben den Denkmälern für die gefallenen israelischen Soldaten ein Monument den Soldaten der Roten Armee gewidmet.

Mit Blick auf die jüdischen Soldat_innen in der Roten Armee resümiert Anna Kopajew: „Die Juden machten weniger als ein Prozent der gesamten Bevölkerung in der Sowjetunion aus. Bei der Verleihung des ‚Helden der Sowjetunion`, was die höchste Auszeichnung in der Roten Armee ist, folgten hinter den Russen und Ukrainern die Juden als dritte Nationalitätengruppe, und das erfüllt mich mit Stolz.“ (Anna Kopajew).

Verhältnis zur Sowjetunion

Der Text „Jüdischsein“ in der Sowjetunion, Bundesrepublik und in Israel vermittelt anschaulich die Diskrepanz zwischen öffentlichem und privatem jüdischen Leben in der Sowjetunion. Mehr oder minder verdeckt wurden die jüdischen Traditionen nur im kleinen Kreis der Familie gelebt. Vor allem in größeren Städten gab es darüber hinaus ein begrenztes Gemeindeleben: „In Leningrad gab es mehr Möglichkeiten jüdische Feste und Traditionen zu leben. Dort gab es eine große Beth ha-Knesset [Gemeindehaus ...]“ (Nina Schtschukin). So hielt beispielsweise die Familie von Frau Matook ihre Bindung zum Judentum in der Sowjetrepublik Litauen auch öffentlich aufrecht, wanderte aber bereits vor 1989 nach Israel aus (vgl. „Jüdischsein“ in der Sowjetunion, Bundesrepublik und in Israel).
Der größere Teil der interviewten Personen versteckte sein „Jüdischsein“ in der Sowjetunion soweit wie möglich vor der Öffentlichkeit. Sogar den eigenen Kindern wurde die Herkunft verschwiegen, wie das Beispiel von Nina Schtschukin anschaulich belegt: „Als ich zwölf Jahre alt wurde gab`s eine ganz große Feier. Also sehr sehr große mit vielen eingeladenen Gästen und mein Onkel kam und fragte meine Mutter ‚Weiß sie warum diese Feier so groß begangen wird?` und meine Mutter sagt ‚nein`. Erst nachdem ich in Israel angekommen bin, wusste ich dass es meine Bar Mitzwa war.
Dieses Verschweigen führte z. T. zu weiteren Verwirrungen in den Familien: „Ich erinnere mich noch an das russische Osterfest, da werden traditionell Kuchen gebacken, Eier gekocht. Meine Mutter hat das nicht gemacht. Und ich schimpfte mit meiner Mutter ‚Bist du faul. Du willst nicht Ostern begehen wie alle anderen?`“ (Nina Schtschukin).
Aus Angst vor Repressalien oder antisemitischen Reaktionen wurde es vermieden, in der Öffentlichkeit Jiddisch zu sprechen. „Wenn ich mit meiner Oma zu meiner Tante nach Moskau fuhr, meine Oma sprach bei uns zu Hause immer Jiddisch, wenn wir in Moskau aber zu Besuch waren ermahnt meine Tante meine Oma immer, sei still, rede nicht so laut.“ (Julia Reisman).
Jüdische Festtage wurden oft nur im kleinen Kreis und häufig vor allem von den älteren Generationen begangen: „Bei meiner Oma sah ich Matzenbrot und fand das interessant. Aber für mich war das einfach so eine Spezialität die es nur bei der Oma gab und nicht zu Hause. Pessach, Rosch ha-Schana gab's bei uns nicht. [...] Als ich dann zu meiner Oma in die Stadt zog, sah ich, dass bei ihr, also die alten Leute die Traditionen noch beachteten. Und bei ihnen wurden alle Feste begangen Rosch ha-Schana, Pessach, Purim.“ (Nina Schtschukin)

Die Gründe dafür, das „Jüdischsein“ zu verheimlichen oder ganz abzulegen, reichen zurück bis zu den Diskriminierungserfahrungen, Erinnerungen an staatlichen Antisemitismus und Repressionen in der stalinistischen SU (vgl. Jüdinnen und Juden in der UdSSR von 1941 bis 1990 und „Jüdischsein“ in der Sowjetunion, Bundesrepublik und in Israel). Nach dem Tod Stalins verbesserte sich die Lage etwas, jedoch hielten Benachteiligungen an. Ein Motiv ist dabei in den Erinnerungen besonders präsent: „Es gab eine Regelung, dass nur ein bestimmter Anteil in einer Berufsgruppe Juden sein durften, z.B. Musiker, Lehrer, Beamte, Personen in öffentlichen Ämtern und Ärzte.“ (Julia Reisman). Zudem berichten fast alle Interviewten davon, dass die Arbeit von Jüdinnen und Juden mit ungleichem Maß gemessen wurden: „Als Jude musste man immer mehr leisten als andere. Wenn man 100% geleistet hatte wurde das zu 70% angerechnet.“ (Julia Reisman).
Erst mit der einsetzenden Perestroika öffnete sich das jüdische Leben (vgl. „Jüdischsein“ in der Sowjetunion, Bundesrepublik und in Israel). Der latente Antisemitismus in der Bevölkerung und die schlechte materielle Lage führten kurz darauf zu einer großen Auswanderungswelle nach Israel, Deutschland, die USA und Kanada (vgl. Emigration aus der Sowjetunion).

Fazit

Die oben stehenden Themenblöcke beschreiben die wichtigsten Motive der Erinnerung der Interviewten an die Shoah, den Zweiten Weltkrieg und das jüdische Leben in der Sowjetunion. Durch die Immigration der sowjetischen Jüdinnen und Juden haben sich deren Bilder in die Erinnerungskultur ihrer Aufnahmeländer übertragen. Vor allem die hervorgehobene Rolle der kämpfenden Jüdinnen und Juden in der Roten Armee haben das offizielle Geschichtsbild in Israel und das Gedenken in den jüdischen Gemeinden in Deutschland nachhaltig geändert. Der 9. Mai als „Tag des Sieges“ wurde in die Gedenkkultur in den jüdischen Gemeinden in Deutschland und in die offizielle Erinnerungskultur Israels integriert.
Auch die subjektiven Geschichtsbilder haben sich gewandelt. Durch den Zugang zu Informationen und den Wegfall von Beschränkungen für das jüdische Leben wurde die Shoah als kollektive Tragödie in die Erinnerungen aufgenommen. Sie wird nicht mehr vorrangig als Familiengeschichte und Detail des Großen Vaterländischen Krieges wahrgenommen. Die Singularität der Verbrechen des nationalsozialistischen Deutschlands und deren Verbündeter ist nunmehr Teil der Geschichtsbilder jüdischer Migrant_innen aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion.

Initiative "Geschichte vermitteln"

Broschüre

Quellen:

Haskell, Francis (1995): Die Geschichte und ihre Bilder. Die Kunst und die Deutung der Vergangenheit. München.

Schulz, Evelyn & Sonne, Wolfgang (1998): Kontinuität und Wandel: Geschichtsbilder in verschiedenen Fächern und Kulturen. VDF Hochschulverlag AG. Zürich.

21.05.2010
Conne Island, Koburger Str. 3, 04277 Leipzig
Tel.: 0341-3013028, Fax: 0341-3026503
info@conne-island.de, tickets@conne-island.de