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Proud to be a feminist.


Der Zwang der (Geschlechts)-Identitäten, 18.4k

Es tut sich was in Sachen Genderbeat in Leipzig und das schon eine Weile. Spätestens mit der letzten Nummer des CEE IEH ist das auch im Newsflyer angekommen: Pop und Geschlechteridentitäten auf dem Tablett interessant; homoelektrik im Eiskeller wow; Ladyfest in Leipzig geil, na endlich! Problem also erkannt, Fehler bald behoben? Schön wär's. Aber wohin die Reise in Sachen Clubkultur geht, wer mit ins Boot kommt und wer ans Steuer darf, bleibt noch auszuhandeln.

Zunächst scheint das Schiff zumindest auf den Weg gebracht: Wer heute noch ernsthaft leugnet, es gäbe kein Problem, kein massives Ungleichverhältnis der Geschlechter auch in linken Musik- und Clubzusammenhängen, dem oder der sind die Scheuklappen von innen über die Augen gewachsen (antifeministische Strategie Nr. 1: Leugnen). Zuzugeben, dass die Gewichte und Möglichkeiten von Frauen und Männern ungleich verteilt sind, heißt aber noch nicht zwingend, an diesen Verhältnissen auch was ändern zu wollen oder gar die eigene Position in eben jenem Verhältnis zu überdenken (Strategie Nr. 2: Ignorieren).
Nehmen wir aber mal ganz optimistisch an, dass diese Etappe, nämlich die Anerkennung von „Es gibt ein Problem. Es ist strukturell.“ endlich hinter uns liegt, ganz zu schweigen von Strategie 3 und 4, Lächerlichmachen und Herabsetzen: Sind die Hauptwiderstände dann vom Tisch? Tatsächlich kann nun erst begonnen werden, diese strukturellen Missstände anzugehen und der Veränderung eine Richtung zu geben.
"...eigentlich will ich doch einfach nur als Kulturschaffende anerkannt und wahrgenommen werden. Weil ich aber eine Frau bin, muss ich außer Kunst zu machen, auch noch den Kapitalismus abschaffen, neue Lebensformen finden, mein konstruiertes Geschlecht und das der anderen reflektieren, mich gegen Sexismus wehren, meiner Meinung nach kontraproduktive Strategien anderer Frauen mit ihnen diskutieren und immer wieder mich selbst in Frage stellen. Ich tu das gerne, wirklich, ich will mich überhaupt nicht beschweren, ich bin sogar mittlerweile süchtig danach. Aber tun die Männer das eigentlich auch?"
Luka Skywalker, Phase 2, März 2003

Das Ladyfest ist ein solcher Ansatz, bestehende Strukturen aufzubrechen oder bei erhöhter Widerstandskraft derselben diesen etwas entgegen zu setzen, nämlich eine geballte Ladung Musik, Kunst, Film von Frauen, für alle, die dabei sein wollen. Erfahrungsgemäß tritt hier gerne Strategie Nr.5 auf dem Plan (Warnen): So viele Frauen auf einem Haufen, ihr wollt euch doch abspalten von der Szene, euch separieren, alles kaputt machen und ähnliche Verfallsszenarien, oder besser: Verlustängste. Die kurze Antwort darauf: Kuckt euch das line-up der pop up oder vom Conne Island an – das ist Separierung. Die lange Antwort: Der Vorwurf der Separierung ist sexistisch, solange er nur in eine Richtung funktioniert und nicht die eigene Struktur als Frauen ausgrenzend kritisiert. Denn nicht Frauen schließen Männer aus, sondern sie handeln aus der Situation heraus, ausgeschlossen zu sein, und zwar von jenen männlichen Strukturen, aus denen dann der gekränkte Aufschrei ertönt, nicht mitspielen zu dürfen. Wie kann ich mich bitte von etwas abspalten, an dem ich keine echte Teilhabe habe? Was wiederum gern abgestritten wird, denn physisch sind Frauen ja immer da im Club (gehe zurück zu Strategie 1 und 2); fragt sich nur, welche Rolle sie dort spielen, welchen Status sie haben bzw. warum sie in bestimmten Positionen so selten anzutreffen sind.
Eine Taktik kann nun sein, mit diesem Separiert-Werden offensiv umzugehen und den Spieß umzudrehen, Stil: Wir bekommen in männlich strukturierten Netzwerken und sozialen Zusammenhängen nicht das, was Männer dort potentiell bekommen: Support, Bestärkung, Beziehungen, Identifikationsmöglichkeiten, Vernetzung, Öffentlichkeit etc. Also bauen wir uns unsere eigenen Netzwerke auf, nicht als Ziel, sondern als Mittel und Strategie, das zu bekommen, was uns anderswo verwehrt bleibt. Nicht mehr und nicht weniger. Das Ladyfest macht genau das und deshalb ist es so gut, so wichtig und noch so verdammt notwendig für Leipzig.
Und zugegeben, es macht oft einen Schweinespaß, Sachen zusammen mit Frauen durchzuziehen. Noch viel mehr Spaß allerdings würde es machen, das nicht mehr tun zu müssen. Denn so sehr die Strategie auch fetzen kann, so sehr ist es anzustreben, diesen Spaß auch ohne ständige Notwendigkeit von Strategiehandeln oder Widerstand gegen andere Definitionen von Spaß haben zu können. Und zwar zusammen mit Männern, nach anderen Prinzipien.
Will sagen: Ziel ist, dass es keine Rolle mehr spielen sollte, welches Geschlecht einem Menschen zugewiesen wird, der oder die Musik macht; Ziel ist ein Raum, wo Geschlecht nicht zwangsläufig zum statusmäßigen Platzanweiser wird(1). Vor diesem Vergnügen kommt aber leider die Arbeit. Und das heißt noch immer, wieder und wieder betonen zu müssen, dass wir lange noch nicht dort sind, wo wir hinwollen, dass es trotz Identitätskritik und Dekonstruktivismus ungleiche Geschlechterverhältnise gibt(2) und dass leider nichts daran vorbei führt, Benachteiligte zunächst zu stärken und deren Benachteiligung zu betonen.
Okay, spätestens an dieser Stelle kommt der Einwand, dass diese Art Lobbyarbeit für Frauen deren Identität als Frauen verfestige, anstatt die Kategorie Geschlecht zu verwischen (Strategie Nr. 6: in Widersprüche verwickeln). Dieses Dilemma ist bekannt. Bekannt ist auch, dass Geschlecht eine die Gesellschaft hierarchisch durchstrukturierende Kategorie ist, und deshalb würde ich sie liebend gerne bis, sagen wir, nächsten Montag 20 Uhr 15 abschaffen. Leider ist aber abzusehen, dass dieser Termin nicht zu halten ist. Bis dahin tragen Frauen eine Zwangsjacke, die sie sich nicht selbst angezogen haben, die zu tragen ihnen aber vorgeworfen wird. Ein Ärmel ist das Wissen, dass die Betonung der Frau-Kategorie im binären Geschlechterverhältnis eine Macht reproduzierende Wirkung hat; der andere Ärmel ist die Notwendigkeit, Frauen trotz dieses Gefahr explizit fördern und bestärken zu müssen, um ihre Position im gegenwärtigen Geschlechterverhältnis zu verbessern.
Diese Zwickmühle gerinnt zum antifeministischen Argument, wenn verlangt wird, dass Frauen diesen Widerspruch erst mal lösen müssen, ehe sie handeln sollten. Nur habe ich mir die Kategorisierung als Frau aber nicht selbst gewählt, sondern sie wird mir gesellschaftlich, kulturell und von 20 anderen Ecken her aufgezwungen, nicht selten vermittelt als Diskriminierung. Werde ich also nicht zuletzt durch gesellschaftliche Zuweisungen zur Frau gemacht, muss ich mich auch auf diese Kategorie beziehen, wenn ich den mir so zugewiesenen Platz gegen einen austauschen will, wo ich besser sehe und gesehen werde. Deshalb: Wenn Feminismus handlungsfähig bleiben will, muss er sich weiterhin auf Frauen beziehen und diese stärken, ohne aber festzulegen, wer oder wie diese Frauen eigentlich sind. Dieses Paradox zu akzeptieren, hat etwas ungemein Befreiendes: Ich hole also Frauen auf der Bühne und hinter die turntables, und zwar, weil sie Frauen sind und weil sie als Frauen ohne diesen Anstoß vielleicht nie dorthin gekommen wären. Wenn irgendwann dann alle, die potentiell wollen, genau die gleiche Chance haben, oben zu stehen, will ich gern vergessen, dass sie Frauen sind. Dass ich es bis dahin nicht ausblenden kann und will, ist nicht den Frauen vorzuwerfen, sondern den sie ausgrenzenden Strukturen. Deshalb: Die beste Unterstützung für’s Ladyfest in Leipzig. Damit das Schiff nicht vom Kurs abkommt. Damit’s kracht. Nachhaltig.
Ahoi. Heike

Fußnoten

(1) Wie solche Räume aussehen könnten, lotet Homoelektrik seit geraumer Zeit in Leipzig und Umgebung aus.
(2) Die Erkenntnis, dass (Geschlechts-)Identitäten konstruiert sind, wird gern so gedeutet, dass sie dadurch so etwas wie Fiktionen seien. Die Tatsache der Konstruiertheit aber heißt nicht, dass Identitäten nur scheinbar vorhanden sind, quasi als falscher Schein, sondern verweist lediglich darauf, dass und wie sie gemacht sind und dass sie demnach auch verändert werden können.



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last modified: 28.3.2007