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Bibel statt Playstation.

Minimalismus und neokonservative Ideologie: WHITE STRIPES, 15.3k

Minimalismus und neokonservative Ideologie:
Schlaglichter auf das derzeit gefeierte Bandmodell der WHITE STRIPES
Von Robert Hodonyi und Karsten Schwulst


Schlägt man dieser Tage beliebige Feuilletonseiten oder Musikzeitschriften auf, wird man mit einer Welle junger amerikanischer Bands konfrontiert, die mehr oder weniger erfolgreich versuchen, sich zwischen 60er-Garagen-Rock und 70er-Punk neue musikalische Nischen zu erobern. Waren die STROKES vor 2 Jahren noch angetreten, sich dem Rock'n'Roll im New-York-Style in die Arme zu werfen und nebenbei auch noch betörend hedonistische Musik zu verbreiten, gibt es nun mit den WHITE STRIPES ein anderes Modell, das mehr mit Washington zu tun haben scheint.

Das Duo Megan (Schlagzeug) & Jack White (Gitarre) gibt es schon länger: mit ihrer dritten Platte "White Blood Cells" wurden die beiden Detroiter bereits 2001 zu international gefeierten Stars. Seither scheinen ihr Ruhm und ihre Popularität ständig zu wachsen: das Erscheinen ihrer neuen LP "Elephant" wird in sämtlichen Massenmedien als Ereignis zelebriert. Vom britischen NME wurde sie kürzlich bereits vor Erscheinen unter die 100 besten LPs aller Zeiten gewählt. Im selben Magazin wurde Jack White zur "coolsten Person des Jahres 2002" gekürt. Bleibt die Frage: Was ist abgesehen von der auf Gesang, Gitarre und Drums reduzierten Musik an dieser Band eigentlich "cool"?

Zunächst fällt ihr eigenartiger Farb- und Zahlenmystizismus ins Auge. Dazu Jack White im Interview mit der taz (04.04.2003): "Drei Farben: Rot, Weiß und Schwarz. ... Alles dreht sich bei uns um die Zahl Drei. Dabei steht Schwarz vor allem im Kontrast zu Rot und Weiß: Als Abwesenheit von Farbe. Das Rot symbolisiert Zorn und Bewegung, das Weiß steht für Unschuld und Feingefühl." Diese heilige Farb-Dreieinigkeit wird immer wieder auf ihren Tonträgern, ihren Konzerten und in ihrer Kleidung hergestellt. Was bringt erwachsene Menschen nur dazu, eine solche farbliche Totalität zu präsentieren und diese auch noch mit schwergewichtigen Begriffen aufzuladen? Im Zitat ist die Rede von "Zorn" als scheinbar permanentem Affekt. Leider erfährt man nicht, wer denn da worüber zornig ist und auch nicht, wie der Begriff der "Bewegung" gemeint ist. Sicher geht es hier um harmlose Marotten oder schlimmstenfalls um die ästhetische Reinwaschung der Konsumentenhirne. Aber es wird interessanter.

Die WHITE STRIPES stehen als Band und auch als Individuen für eine dezidierte Technik- und Medienfeindlichkeit, die sie plausibel herzuleiten versuchen. Jack White: "Ich denke eher, dass Mobiltelefone und das Internet zur Zerstörung von Kulturen beitragen. Die gesamte Welt scheint sich mehr und mehr auf einen kulturellen Nenner zu einigen. (...) Wenn ich nach Deutschland komme, dann will ich eine deutsche Kultur erleben, die sich eigenständig zum Ausdruck bringt und stolz darauf ist." Leider ist in diesem Zusammenhang nicht zu lesen, was Jack denn für originär "deutsche Kultur" hält. Neben dem Handy und dem Internet gerät auch das Fernsehen in die Kritik der Band. Meg White: "Ich habe gerade ein Buch gelesen, in dem das Fernsehen als Hauptursache der Auslöschung von Kulturen auf unserem Planeten genannt wird. Das finde ich interessant." Wirklich hochinteressant, Meg. Machen wir alle die Glotze aus und sehen mal, was so passiert. Vermutlich verschwinden dann Kapitalismus und Krieg. Und wir können uns auf ein gerechtes, friedliches Leben in ethnisch und kulturell reinen Stammesgesellschaften freuen.

In einem anderen Interview beschwert sich Jack nicht übers Fernsehen, sondern über die heutige Jugend und ihre heruntergekommene Erziehung: "Es ist traurig, die Kids von heute zu sehen. Sie sitzen herum, hören Hip-Hop oder New Metal, mit einer Playstation und einer Marihuana Bong. Das ist ihr Leben. Es ist eine ganze Kultur. Und ihre Eltern tun nichts dagegen." (New York Times vom 09.03.2003). Außerdem: "Ich habe das Gefühl, die Erziehung entfernt sich von den natürlichen Ideen und Instinkten der männlichen und weiblichen Persönlichkeit. Diese werden geopfert für die Idee der Gleichheit oder der antiautoritären Erziehung." (The Onion vom 09.04.2003). Klingt alles nicht so nach den 60ern? Stimmt. Trotz ihrer musikalischen Bezüge scheinen die WHITE STRIPES an den guten alten Zeiten lange vor dem Rock'n'Roll zu hängen. Damals, als religiöse Werte noch was galten und Papa das Sagen hatte, war alles irgendwie netter und übersichtlicher. Jack: "Heute ist zum Beispiel Religion ziemlich unpopulär, die früher eine Klammer für Familien und Gemeinschaften gebildet hat. Und früher waren auch die Rollen von Frauen und Männern und Kindern weitaus klarer definiert. (...) Aber es gibt bestimmte natürliche Instinkte, die gerade die männliche oder weibliche Persönlichkeit betreffen. Frauen können gebären, Männer nicht, das ist einfach eine natürliche Tatsache. Ich will dazu Gedankenanstöße geben, denn ich glaube, dass die Leute sehr verwirrt über die Frage sind, wie viel von der damaligen Lebensform richtig oder falsch war." (taz vom 04.04.2003)
Whites Stripes II, 17.4k
Ganz zurück zur Natur wollen die WHITE STRIPES dann aber doch nicht. Für die Aufnahmen ihres neuen Albums "Elephant" ging es nicht in den Wald, sondern in ein kleines Londoner Studio, das ausschließlich mit analoger Sixties-Technik ausgestattet ist. Hier konnte noch "ehrlicher" Rock'n'Roll entstehen und das gerade mal für 6000 britische Pfund! Computer bei Aufnahmen und digitale Effektgeräte lehnen die WHITE STRIPES ab hier ist alles noch echte und handgemachte Rockmusik. Ein Schelm, wer bei ihrer ausdrücklichen Betonung im Booklet "No Computers were used ..." an die ebenso heldenhaft konservativen QUEEN denkt. Auf deren Platten stand in den 70ern noch regelmäßig "No Synthesizers were used ...!".

Um Promotion für die neue LP zu betreiben, verschickte die Plattenfirma des Duos ausschließlich Vinyl-Alben an die Musikpresse. Natürlich ging es dabei nicht etwa um die Angst vor MP3-Kopien und dem damit möglicherweise verbundenen Risiko für den hohen Charts-Einstieg, wie bei anderen Bands. Nein, die Platte sollte so Jack White nur von Journalisten besprochen werden, die noch einen Plattenspieler besitzen. Erklärung: Allein die könnten die Magie der Aufnahmen einfangen! Wenn er das wirklich ernst meint, wäre es allerdings nur konsequent gewesen, die Platte auch für Konsumenten ausschließlich auf Vinyl zu veröffentlichen. Und die schönen Profite auf die Meg & Jack ja bekanntlich keinen Wert legen für die künstlerische Reinheit sausen zu lassen. Diese Reinheit ("Purity") ist schließlich sehr wichtig für die beiden Geschwister. Ebenso wie ihre anderen Ideale: Unschuld, Kindlichkeit, Beschränkung, Einfachheit und Ehrlichkeit. Ehrlich gesagt sind sie entgegen ihren Behauptungen auch keine Geschwister. Sondern ein geschiedenes Ehepaar.

Dass viele Rock'n'Roller nicht gerade für ein progressives und offenes Gesellschaftsmodell stehen ist keine Neuigkeit. Aber eine solche Affinität zu neokonservativer Ideologie ist bemerkenswert für Musiker, die in der Presse als neuestes nonkonformistisches Modell bejubelt werden. Das ist also die derzeit coolste Band der Welt! Symptomatisch?


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last modified: 28.3.2007